Wenn es stimmt, daß an der Börse die wirtschaftliche Entwicklung vorweggenommen wird, müßte es im kommenden Jahr mit der Konjunktur wieder aufwärtsgehen. Der Dezember brachte dem Aktienmarkt neue Jahreshöchstkurse.

Auch wenn es in den letzten Tagen auf dem deutschen Aktienmarkt gelegentliche Rückschläge gab, den seit einigen Wochen herrschenden Optimismus haben sie nicht vertreiben können. F. Wilhelm Christians, einer der Sprecher der Deutschen Bank, wagte jetzt sogar die Prognose: "Die Börsenampeln stehen auf Grün!"

Er steht mit seiner Zuversicht nicht allein. Andere Bankiers haben sich in den letzten Tagen ebenfalls zuversichtlich zur Börse – und damit auch zur Konjunktur geäußert. Woher nehmen sie ihren Mut?

Dazu ein paar Stichworte, meine verehrten Leser: sinkende Zinsen, sinkende Inflationsrate, ein Dollar-Kurs, der sich möglicherweise um 15 bis 20 Pfennige unter seinem Spitzenpreis einzupendeln beginnt, Hoffnung auf partiell bessere Unternehmenserträge in diesem und im kommenden Jahr und schließlich Aussichten auf einen wirtschaftlichen Wiederaufschwung in der zweiten Jahreshälfte 1983.

Und für den Aktienmarkt wichtig: Mit der gegenüber dem Dollar erfolgten Stabilisierung der Mark kehren auch die Ausländer verstärkt auf den deutschen Kapitalmarkt zurück. Eine Kostprobe davon bekamen wir in den letzten Wochen schon zu spüren.

Die Hamburgische Landesbank mahnt indessen zur Vorsicht. Nach ihrer Ansicht bedarf es noch zwei weiterer Momente, um die deutsche Aktienbörse nachhaltig zu stimulieren, nämlich einen "börsenfreundlichen" Ausgang der kommenden Bundestagswahlen und erste positive Veränderungen in den gesamtwirtschaftlichen Daten.

Was mit "börsenfreundlich" gemeint ist, liegt auf der Hand, nämlich ein Wahlergebnis, das es Bundeskanzler Kohl erlauben würde, weiter zu regieren. Politik wird verständlicherweise bei allen Aktiendispositionen groß geschrieben. Aber natürlich machen sich die Aktienkäufer auch Gedanken darüber, was geschehen könnte, falls der nächste Bundeskanzler Hans-Jochen Vogel heißen würde. Getrieben durch SPD und Gewerkschaften, so wird spekuliert, müßte er nicht nur einen Teil der gestrichenen Sozialsubventionen wieder zurücknehmen, sondern auch noch ein Milliarden-Beschäftigungsprogramm verwirklichen. Das würde eine explosionsartige Zunahme der Staatsverschuldung bringen (steigende Zinsen und in der Folge höhere Inflationsraten), aber letztlich auch eine zumindest vorübergehende bessere Ertragslage der Unternehmen. Möglicherweise kommt dann der "Substanzwert" Aktie wieder zu Ehren, zumal dann, wenn – nach französischem Vorbild – der freie Kapitalverkehr mit dem Ausland eingeschränkt werden sollte.