Von Benjamin Henrichs

Der Außerirdische. Langsam senkt sich der Eiserne Vorhang zwischen Bühne und Zuschauerraum. Aus der Höhe ‚ fällt ein schmaler Scheinwerferstrahl auf die mächtige Wand, sein Licht bricht sich auf ihrer gewellten Oberfläche. Eine heisere, hämmernde Schlachtmusik ertönt. Das Theater bereitet einen magischen Augenblick vor: Auftreten wird ein Gespenst, der Geist von Hamlets Vater.

Der Außerirdische kommt nicht mit der Flugmaschine, er entsteigt nicht Nebeldämpfen. Von der Seite schleppt sich ein Schauspieler (Jochen Tovote), eingepanzert in eine schwere Ritterrüstung, langsam auf die’Vorderbühne. Erst wenn er seinen Platz vor dem Eisernen Vorhang erreicht hat, verwandelt er sich in eine geisterhafte Erscheinung: funkelnd spiegelt sich das Licht in seiner silberglänzenden Rüstung, tausend Lichter und Schatten fliegen durch das dunkle Theater. Nach seinem glanzvollen Auftritt aber hat das Gespenst wieder einen mühevollen Abgang; auf schweren Beinen, so wie es gekommen war, geht es von der Bühne.

In einem großen Bild bringt diese Szene beides zusammen: die Kraft des Theaters und sein Elend, den Märchenzauber und die Mühsal. So ist die Szene wie ein Gleichnis für Klaus Michael Grübers "Hamlet"-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Die Aufführung wagt sich vor bis in die äußersten Grenzbezirke des Theaters, doch erreicht dabei auch die Grenze ihrer Kraft; gerät zuletzt in einen Zustand fast auswegloser Erschöpfung. Wenn Hamlets lange Nacht nach mehr als sechs Stuunden doch noch ein Ende nimmt, hat das Theater keinen Sieg errungen – aber Siege sind auch das letzte, wofür sich Grübers Theater interessieren würde.

Die Untoten. Zum ersten Mal benützt die neue Schaubühne am Lehniner Platz die riesige Beton-Apsis von Mendelssohns Bau: das steinerne, von Türen, Mauerlöchern durchbrochene Halbrund, welches das Theater zum Kurfürstendamm hin abschließt. Ein leerer, grauer Raum, einer unbewohnten, unbewohnbaren Festung ähnlich. Die Erde, sagt Hamlet, ist ein kahler Fels. Doch über dem düsteren Steingehäuse läßt der Bühnenbildner Gilles Aillaud einen Sternenhimmel leuchten – aus hundert kleinen blauen Scheinwerferlämpchen. Wie am Ende der Welt steht die leere Burg von Helsingör, wie am Anfang des Weltraums. In der Ferne hört man das Geschrei von Möwen.

Aus dem Mauerloch in der Mitte tritt das Königspaar (Peter Fitz und Edith Clever); von der linken Seite kommen Polonius (Werner Rehm) und der Hofstaat. Sie alle tragen unglaublich schöne, dabei lebendige, nicht museumshafte Andrea Schmidt-Futterer (von Moidele Bickel und Andrea Schmidt-Futterer entworfen). Das Königsdrama beginnt. Es könnte, es müßte ein prächtiger Auftritt werden: Der Staat macht Theater, Staats-Theater.

Doch in dem grauen Riesenraum sehen die Mächtigen seltsam verloren aus – selbst ihre großen Auftritte haben etwas Trauervoll-Dürftiges. Aus ihren Gesichtern, wenn man sie aus der Ferne erkennen kann, scheint alle Bewegung verschwunden zu sein. Und doch sind es keine starren, keine Totengesichter – ein Ausdruck extremer Trauer und Verlorenheit bestimmt sie alle. Sie erinnern an die Gesichter auf den Bildern der Renaissance: die einen heute noch, über die Jahrhunderte hinweg, anblicken, daß man erschrickt. "So macht Bewußtsein Feige aus uns allen", heißt ein berühmter Satz aus dem Stück. Hamlet könnte auch sazum daß Bewußtsein den Menschen müde macht – zum ersten Mal in der Geschichte sieht er sich selber und weiß, daß er verloren ist.