ARD, Freitag, 17. Dezember, 20.15 Uhr: "Unser kurzes Leben", Spielfilm von Lothar Warneke, DDR 1980/81

Sie heißt ausgerechnet Linkerhand – wenn das nicht Ideologie und Omen ist. Aber ganz so unverschämt geht es gottlob nicht weiter in dem Film, der nach einem Roman der 1973 gestorbenen Brigitte Reimann entstanden ist. Das Drehbuch schrieb Regine Kühn, was insofern eine unerläßliche Mitteilung ist, als das Skript bei der DEFA ähnlich wichtig und einflußreich ist wie im sowjetischen Film; der Regisseur ist nie ganz allein, und wir müssen schon ein bißchen umlernen von unserer Idee des Autorenfilms; Regine Kühn hat Szenarien für Siegfried Kühn geschrieben zum Beispiel, etwa für den Film "Die Wahlverwandtschaften" (nach Goethe).

Sie heißt also Linkerhand, Franziska, und Professor Reger will sie nicht gehen lassen. Er baut Theater und ähnliches, wofür immer Geld vorhanden ist, und Franziska gehört zu seinem Team. Sie aber will endlich einmal sich selbst gehören, einer eigenen Aufgabe, wie sie auch nicht mehr ihrem Mann gehören will, dem Trinker, von dem sie geschieden ist und der sie auch noch vergewaltigt zu guter Letzt.

So geht sie in die Provinz und zum Wohnungsbau, an etwas anderes ist da nicht zu denken. Franziska tut es trotzdem, sie will die Altstadt sanieren. Oder die neue Stadt mit der alten Stadt ordentlich verbinden. Man soll dort nicht nur wohnen, man soll dort auch leben können. Ihr Entwurf wird ausgezeichnet, aber gebaut wird schließlich wie immer. Die Kapazität, so nennt man das, reicht nicht zum Bau einer Stadt, sie reicht nur für Wohnungen. Damit das nicht die einzige Niederlage bleibt, die jemand, die Linkerhand heißt, hinnehmen muß, hat Franziska auch so etwas wie eine Liebe angefangen. Trojanowicz ist Kipperfahrer und war natürlich einmal etwas Besseres, man sieht es ihm gleich an. Irgendwie, Genaueres erfährt man nicht, ist er im Knast gelandet. Jetzt liest er pausenlos neue Bücher, meist frisch vom Verlag, und ist verschlossen und lieb und lakonisch. Doch als sie ihn braucht nach der Niederlage, wird er gesprächig – und bei Sigrid bleiben, die stets zu ihm gehalten und alles für ihn aufgegeben hat.

Ein Film der Niederlagen also. Oder genauer: über persönliche Niederlagen in einer sozialistischen Gesellschaft, und wie man damit fertig wird. Nicht mit der Gesellschaft, die ist allemal stärker. Stärker als Gertrud, die Sekretärin, wieder eine Trinkerin, die Selbstmord begeht. Oder als die Kneipenwirtin, die fünf fremde Kinder aufgezogen hat, bis sie allein blieb. Oder als Franziska Linkerhand, die in ohnmächtiger Wut ihr Zimmer verwüstet, am Morgen aber aufräumt, mit dem Rauchen anfangt, weil sie vom Trinken nichts hält, und in Zukunft viel zuviel arbeiten wird, bis tief in die verzweifelten Nächte hinein.

Ein Film der Niederlagen und ein Frauenfilm, vielleicht etwas zu glatt elaboriert, aber mit genauen Gesten und Bildern. Die Sprache ist ein bißchen, wie Franziska sich ihre Stadt vorstellt: aus Stuck und Spannbeton. "Sie reißen mich aus meiner Welt, daß ich Sie liebe", sagt der Kipperfahrer, oder später, da duzen sich die Liebenden wahrhaftig: "Mit dem Scharfblick des Unbeteiligten betrachtest du alles." So unbeteiligt ist der Film aber nicht. Das Bauplanungsbüro, in dem die neue Schlafstadt entworfen wird, liegt gleich hinterm Friedhof.

Peter W. Jansen