Vor genau einem Jahr, als Verzweiflung und Widerstand gegen das Kriegsrecht in Polen ihren Höhepunkt erreichten, appellierte Papst Johannes Paul II. an General Jaruzelski, das Blutvergießen zu beenden und den Kriegszustand nicht fortzusetzen. Der Wortlaut dieses bewegenden Aufrufe ist erst jetzt bekannt geworden:

Herr Vorsitzender des Ministerrats der Polnischen Volksrepublik, Armee-General Wojciech Jaruzelski, Warschau

Die Ereignisse der letzten Tage, die Nachrichten über getötete und verwundete Landsleute im Zusammenhang mit dem am 13. Dezember eingeführten Kriegszustand gebieten mir, mich an Sie, Herr General, mit der dringenden Bitte und zugleich mit der inständigen Aufforderung zu wenden, mit Handlungen aufzuhören, die das Vergießen polnischen Blutes zur Folge haben.

Im Laufe besonders der letzten zwei Jahrhunderte hat Polen viel Unrecht erlebt, wurde auch viel polnisches Blut vergossen, indem man danach trachtete, die Macht über unser Vaterland auszudehnen.

Der letzte Krieg und die Besetzung brachten den Verlust von etwa sechs Millionen Polen, die um ein eigenes und unabhängiges Vaterland kämpften.

In dieser geschichtlichen Perspektive darf man nicht weiter polnisches Blut vergießen: dieses Blut darf nicht auf dem Gewissen von Landsleuten lasten und ihre Hände beflecken.

Ich wende mich also an Sie, General, mit der dringenden Bitte und zugleich mit der inständigen Aufforderung, damit das, was mit der Erneuerung der Gesellschaft verbunden ist und seit August 1980 auf dem Wege friedlichen Dialogs geregelt wurde, auf diesen gleichen Weg zurückkehre. Selbst wenn es schwierig ist, unmöglich ist es nicht.