Berlin

Es war einmal: Bevor die DDR im Oktober 1980 den Zwangsumtausch erhöhte, zog es viele West-Berliner Familien im Dezember mit Kind und Kegel auf den Ost-Berliner Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz. Unter freiem Himmel bot er ein schlichtes Kontrastprogramm zum eigenen, minder geschätzten vorweihnachtlichen Rummel unter dem Funkturm. Der Markt drüben galt als besonders kinderfreundlich. Für die kleinen "Westler" jedenfalls lag sein Reiz nicht zuletzt in der Begegnung mit dem auch in West-Berlin beliebten Ost-Sandmännchen, mit der geschwätzigen "Frau Elster" und dem vorwitzigen "Pittiplatsch, dem Lieben".

Der Weihnachtsmarkt am "Alex findet nun weitgehend unter Ausschluß der West-Berliner statt, denn für eine mehrköpfige Familie ist ein Besuch dort zum Luxus geworden. Ein Umtausch von 25 Mark pro erwachsenem Besucher, 7,50 Mark für sechs- bis fünfzehnjährige Kinder – das ist ein happiges Eintrittsgeld für den ansonsten eintrittsfreien Weihnachtsmarkt.

Über dem Tor verheißt eine Leuchtschrift "Frohes Fest". Naßkalt ist es an diesem Samstag. Den monströsen Fernsehturm umhüllt Nebel. Der Ansturm der Weihnachtsbummler ist gewaltig, aber der Rundgang enttäuscht: Sandmännchen und seine Gefolgschaft sind ausrangiert; dafür stehen jetzt Märchenfiguren im Tannengrün. Die fröstelnden Besucher verlangt es nach Wärme. Mit Glühwein, Alt-Berliner Bierbowle und rumänischem Slibowitz wird eingeheizt. "Niklaus ihist ein guter Mann" – im roten Mantel und Wallebart steht er für Erinnerungsphotos zur Verfügung.

Die Jugend lagert vor einer Novität: Telespiele simulieren Tennis und Fußball. "Einarmige Banditen" sind eine Attraktion. Aber es ist dafür gesorgt, daß die Spielleidenschaft nicht überschwappt; denn die Apparate spucken kein Geld aus, sondern nur Spielmarken, die gegen Süßigkeiten und Tabakwaren eingetauscht werden. Ponys trippeln im Kreis, gespannt vor Wagen, die nicht genug Platz für den Andrang bieten. 40 Pfennig kostet der Spaß. Über dem Eingang ein Schild: "Junge Leute zum Mitreisen gesucht." Die Bude des Volkskünstlers "Otto Nagel" wird von GI’s gestürmt, die auch ohne Wegezoll über die Grenze nach Ost-Berlin dürfen. Ihnen steht der Sinn nach einem Porträt für fünf Mark. Scherenschnitte gibt’s schon für drei Mark.

Zu kaufen gibt es wenig. Das Spielzeug aus dem Erzgebirge, die Nußknacker und Pyramiden, die Engel und die Bergmannsfiguren wurden im Überfluß auf den Weihnachtsmarkt-West geschafft, um Devisen einzubringen. Also widmen sich die Besucher eifrig den leiblichen Genüssen. Schlangen reihen sich vor jedem Stand, gleichgültig, was angeboten wird: Brathähnchen (in der DDR "Broiler" genannt), Bockwurst, Entenleber aus Polen und Schaschlik aus der ČSSR.

Was der Besucher auf dem Weihnachtsmarkt-Ost überhaupt nicht findet, findet sich reichlich auf dem Weihnachtsmarkt-West: Krippen. In den Hallen unter dem Funkturm stehen sie zuhauf: wertvolle und seltene Stücke, zum Beispiel aus der Berliner Biedermeierzeit, Krippen aus dem Schwarzwald, aus der Provence, aus Neapel und sogar aus Mexiko.