Die wissenschaftlich-publizistische Auseinandersetzung um die unmittelbare Nachkriegsgeschichte ist ein bedrückendes Lehrstück dafür, wie Ideologen jedweder Couleur ihre Glaubenskriege führen. Die Verbissenheit, mit der die Vertreter der Restaurationsthese und jene der Glaubenskriege ihre Positionen verteidigen, trägt beim Publikum wohl mehr zur Vernebelung der Sachverhaltes als zu dessen Klärung bei Arrogant sehen und hören die jeweiligen Apologeten über alles hinweg, was das nicht immer gut belichtete parteiische Weltbild ausgeblendet hat.

Wie fragwürdig überhaupt die reine Thesenlehre sein kann, zeigt eine umfassende Dokumentation zur Nachkriegsgeschichte:

Hans-Jörg Ruhl (Hrsg.): "Neubeginn und Restauration. Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945–1949"; Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv dokumente Nr. 2932, München 1982, 567 S., 19,80 DM

Das Quellenarbeitsbuch ermöglicht dem Historiker wie dem historisch interessierten Laien, sich selbst ein Urteil über geschichtliche Zusammenhänge, Bedingungen und Folgen zu verschaffen. Zweihundert Dokumente wurden hierfür zusammengetragen und in vier Kapitel gegliedert. Neben den außenpolitischen Rahmenbedingungen wird vor allem die wirtschaftlich-politische Entwicklung in den drei westlichen Besatzungzonen beleuchtet. Die Dokumente sprechen dabei für sich selbst. So konnte der Herausgeber seine Einleitungstexte zu den einzelnen Kapiteln sehr knapp halten.

Daß Ruhl den Titel des Bandes nicht mit einem Fragezeichen versehen hat, Neubeginn und Restauration auch nicht durch das sich gegenseitig ausschließende "oder" verbunden hat: das allein zeigt schon den Standort des Herausgebers. Die von ihm zusammengetragenen Dokumente beweisen, daß die beiden Thesen sich nur scheinbar unvereinbar gegenüberstehen. "Verpaßte Chancen" einer politischen und wirtschaftlichen Kurskorrektur nach der totalen Niederlage des "Dritten Reiches" belegen die Quellen ebenso wie den Bruch mit dem "hierarchischen Untertanengeist der Wilhelminischen Ära und der formlosen Gärung der Weimarer Republik" (Richard Löwenthal), der ein demokratisches Gemeinwesen westlich-parlamentarischer Provenienz erst möglich machte.

Ruhl hat umsichtig alles das aus deutschen, britischen und amerikanischen Archiven zusammengetragen, was den Deutschen an Kontinuitäten und Brüchen verordnet oder gar aufgezwungen wurde. Aber das Bild wäre nicht vollständig, wenn er nicht auch deutsche Politiker, Publizisten und Wirtschaftsführer als Zeitzeugen auftreten ließe, die dem geschundenen Gemeinwesen zunehmend neben dem alliierten auch den eigenen deutschen Stempel aufdrückten. Mit umfangreichem statistischem Material zur politischen und wirtschaftlichen Formierung und Stabilisierung der westlichen Besatzungszonen sowie einer Auswahlbibliographie wird das Quellenmaterial ergänzt.

Bernd Rudolph