In Berlin ist sie wieder aufgetaucht – die abstoßende Fratze des Antisemitismus. In einer Polizeischule quälten junge Polizisten zwei Jahre lang einen jüdischen Mitschüler, mit Worten und Taten. Vor dem Abgeordnetenhaus verurteilten Innenminister Lummer und Sprecher aller Parteien den Vorfall und versprachen strafrechtliche Ahndung.

Doch ist das genug? Muß es nicht jeden betroffen machen, daß solche Widerwärtigkeiten so lange ungestraft geschehen konnten? Daß selbst die Vorgesetzten untätig blieben – aus welchem Grunde wohl, aus welchem falsch verstandenen Korpsgeist?

Kindereien nur? Weit gefehlt. Es gibt den alten, latenten Bodensatz des Judenhasses. Ihn gilt es, in immer neuen Anstrengungen, unschädlich zu machen – durch unermüdliche Aufklärung und unnachsichtige Verurteilung.

Die Ablehnung mancher Aspekte israelischer Politik darf nicht zum Alibi von Judenfeindlichkeit werden. Andererseits: Wer sich mit Menachem Begin auseinandersetzt, wer sich gegen die Annexionspolitik der israelischen Regierung wendet, ist deshalb kein Antisemit; es wären sonst viele Juden selber Judenfeinde. Wer aber das Recht der Israel-Kritik für sich in Anspruch nimmt, der ist nur glaubwürdig, wenn er jede Form des Antisemitismus, auch die verschleierte, versteckte, vermeintlich kindische verdammt.

D. St.