„Die großen Brände“, ein Roman von 25 Autoren. Ein satirischer Kolportageroman, so witzig, spannend und burlesk, wie er nur im Zenit der frühen Sowjet-Ära geschrieben werden konnte, als es Dutzende sich hitzig befehdender literarischer Gruppierungen gab. Michail Kolzow und Jefim Sosulja gelang es, 25, meist junge Autoren unterschiedlicher Richtungen zu diesem großen Ulk eines kollektiven Stegreifromans (in dem sie sich auch noch gegenseitig anfrozzeln konnten) zusammenzubringen. Fünf von ihnen, darunter Kolzow, verschlang Stalins Säuberung, acht gelten heute als Altmeister der Sowjetliteratur. Das Sujet: unerklärliche und nie völlig aufgeklärte, schreckliche Brände. Der Ort: eine fiktive südrussische Hafenstadt. Die Zeit: 1927. Herangezogen wurde alles, was damals im Alltagsleben eine Rolle spielte: Schieber, Ganoven, Nutten; Konterrevolutionäre und enthusiastische Jungkommunisten; Partei- und Staatsfunktionäre, Polizisten, Journalisten, Geheimdienstler und gewöhnliche Sowjetbürger. Sie alle werden in ein Verwirrspiel verstrickt mit Mord und Totschlag, geheimnisvollen Entführungen, Doppelgängern und Großen Unbekannten, das sich nicht auf den logischen Ablauf eines Krimi mit eindeutigem Sieg der Guten reduzieren läßt. Zwar hängte Kolzow im letzten Kapitel der ganzen Geschichte ein ironisches, ideologisch-moralisierendes Schwänzchen an. Doch damit wird der Spaß, den die 25 Autoren sich und den Lesern bereiteten, nicht beeinträchtigt. (Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze; Ullstein Berlin, 1982; 256 S., 34,– DM.) Heddy Pross-Weerth

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„Tsotsi“, Roman von Athol Fugard. „Tsotsi“ – im Jargon der Schwarzen der Herumtreiber – ist einer der namenlosen entwurzelten Jugendlichen, die in den „townships“ Südafrikas – den den Afrikanern zugewiesenen Gettos außerhalb der weißen Städte – herumlungern; ein Mensch ohne Vergangenheit, ohne Zukunft; einer, der sich – recht- und arbeitslos – von einem Verbrechen zum nächsten durchschlägt; einer, der in ständig wechselnden Banden ohne tiefere menschliche Bindung und Gefühle einzig dem Selbsterhaltungstrieb unterliegt, der dem rassistischen Apartheid-System entspringt. Athol Fugards Roman, 1958 begonnen, 1978 beendet, ist ein Schocker: Selten ist so kühl und präzise der alltägliche Mord erzählt, die dunkle Seite Südafrikas verdeutlicht worden. Für Fugard, den auch bei uns bekannten Dramatiker, ist die Abscheulichkeit des brutal durchgesetzten Rassismus freilich nur Beleg für die Absurdität und Leere menschlichen Daseins überhaupt. Sein Anti-Held Tsotsi wird in dem Moment, da er sich seiner Vergangenheit erinnert, da er Verantwortungsbewußtsein entwickelt für das ihm zufällig in die Hände gedrückte Findelkind, zermalmt von Bulldozern, die die schwarze „township“ für weiße Besiedlung räumen. Der poetisch-dokumentarische Roman läßt den Charakter dessen, was heute in Südafrika immer noch Schwarzen widerfährt, besser begreifen als so manche polit-ökonomische Analyse oder flammende Appelle und Proteste. (Aus dem Englischen von Kurt-Heinrich Hansen; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1982; 222 S., 34,–DM.) Peter Ripken

„Herbst in der Großen Orange“, von Hugo Loetscher. Bald zehn Jahre sind es her, seit Hugo Loetschers Buch „Der Immune“, die Autobiographie eines Intellektuellen, erschienen ist. In der zwiespältigen Erwartung einer „Fortsetzung“ nimmt man Loetschers neuesten Prosaband in die Hand. Es gehört zu den Eigenheiten des Autors, nie in der Ich-Form zu schreiben und dem lesenden Du dennoch den Eindruck zu suggerieren, es sei von Hugo Loetscher die Rede. Im „Immunen“ erinnern zahlreiche Stationen und Stimmungen an Elemente aus der privaten wie beruflichen Biographie des Verfassers, eines Journalisten, eines engagierten Analytikers und intelligenten Reportagenschreibers. So direkt wie im „Herbst in der Großen Orange“ war Loetscher noch nie. Der Fünfzigjährige, um den es geht, heißt H. Wiederum sind die Analogien von Leben und Literatur bis zur Kenntlichkeit verfremdet. H. nimmt als juristischer Experte an einer Konferenz in Los Angeles, der „Großen Orange“, teil. Was H. als ausländischer Einzelgänger im amerikanischen Spätsommer, welcher den Herbst seines eigenen Daseins ankündigt, erlebt, schildert Loetscher um so kompetenter, als er just in diesem Jahre 1979 während des Wintersemesters an einer kalifornischen Universität ihr „Writer in Residence“ war. Der Einstieg in den „Herbst“, der zu Beginn so „grün“ ist wie Kunstrasen, fällt nicht leicht. Die Metapher von der „Großen Orange“ („lauter Schnitze um ein Nichts“) mobilisiert nicht nur emotionale Widerstände: Soll sie nun auch noch geschält werden? Die Unlust der ersten paar Seiten weicht indes einer Faszination, deren Wirkung spätestens beim Lesen des Dialogs mit dem Faultier aus dem Mesozoikum, das den Menschen die „Botschaft aus dem Teerteich“ überbringt, einsetzt. Der Kongreß „Gutachten – Manipulation und Objektivität“ mitsamt seinen Teilnehmern; der Fernbedienungsschalter, der nicht zum TV-Apparat funkt, sondern Flamme und Ton im künstlichen Kamin getrennt reguliert; der Sandwich-Mann, der mit der Tafel über dem Bauch gegen lesbische Liebe und auf dem Rücken gegen die Vivisektion protestiert – an ironischer Witzigkeit mangelt es Loetschers Beobachtung nicht. In einem zentralen Kapitel führt Loetscher seinen Leser in „Die möblierten Nächte“ eines Hotels, dessen Zimmer bis in die letzten Details nach Motiven des universellen Kitschs gestaltet sind. H. feiert seinen 50. Geburtstag. Allein. „Der Tag wird kommen“ ist das vorletzte Kapitel überschrieben, und am Schluß des Buches steht nochmals ein Versuch, ihm mit Hilfe der Ironie zumindest ein Schnippchen zu schlagen: „Der Himmel war blau, als hätte man ihm beim Waschen einen Farbveredler beigemischt. Der Pazifik bot einen leeren Anblick. H. ging bis zum leuchten Rand, wo sich der Schaum des Wassers im Sand verlief. Er sah auf den Ozean hinaus. Wäre er weitergegangen, immer westwärts und immer gerade hinaus, er wäre einmal zur Datumsgrenze gekommen, dorthin, wo man einen Tag verlor. H. aber hatte in der Tasche ein Flugticket für die entgegengesetzte Richtung. Bei Datumsgrenze dachte er an eine Grenze, hinter der es nutzlos wird, die Daten zu zählen.“ (Diogenes Verlag, Zürich, 1982; 167 S., 22,80 DM.) Jürg Altwegg