Berlin: "Kanada"

Mit größtem, bisher weder in Kanada noch in der Akademie der Künste gekanntem Einsatz. an Zeit, Geld und Personal wurde diese kulturelle Selbstdarstellung betrieben – doch das Ergebnis ist vorerst recht dürftig. Leicht war die Aufgabe gewiß nicht. Im zweitgrößten Flächenstaat der Erde stehen sich die englische und französische Bevölkerungsgruppe fast feindlich gegenüber, der mächtige Nachbar USA drängt von Süden in das Land hinein, an der Pazifikküste schaut man nach Japan und China, zu den Ureinwohnern, den Eskimos, kommen Einwanderer aus allen Ländern Europas: beste Voraussetzungen, um eine einheitliche, eigenständige Kultur zu verhindern. So nimmt denn Kanada unter den großen Kulturnationen dieser Welt eher eine Nebenstellung ein, und ein wenig verschämt beugte man sich diesem Vor-Urteil, nicht beachtend, daß wir mit viel Sympathie und mit ebensoviel Unkenntnis wie Neugierde über den Atlantik blicken. Unsere Neugierde wird nun aber kaum befriedigt, unsere Sympathie arg auf die Probe gestellt: Photowände mit dem trockenen Charme von Volkshochschuldidaktik versuchen eine Einführung in die Geschichte und jüngste Architektur (am interessantesten: Passagen und überdachte Straßenräume) des Landes, eine beiseite gedrängte Mini-Poster-Schau leitet über zu euer ebenso versteckt gelegenen Zeichentrickfilm-Abteilung, ein Rückblick auf kanadische Malerei scheint sich vornehmlich aus zweitklassigen Depotbeständen zu rekrutieren, und die Gegenwartskunst wird (größter Mißgriff: in der schönsten, großen, zentralen Halle) von drei Künstlern repräsentiert: John Massey arbeitet mit Filmen, Max Dean mit Telephonen und Betty Goodwin inszeniert eine Installation aus Plastik und Malerei. Wo sind Michael Snow, Mark Prent? Und wenn schon Konzentration, warum dann nicht auf •Alex Colville, dessen Bilder so viel über Kanada erzählen? Offensichtlich wurde wieder einmal der Fehler begangen, die Auswahl im eigenen Land zutreffen, anstatt sie dem Gastgeber zu überlassen. Kommunikation und Medien heißen die Stichworte, auf die kanadische Kunst der Gegenwart weitgehend reduziert wird, wohl nicht ganz zu Unrecht angesichts der Geographie und des oft feindlichen Klimas mit extremen Temperaturunterschieden. Darum nimmt die Video-Abteilung einen so breiten Raum ein, darum zeigt das Kino Arsenal im Januar 147 Filme. Vielleicht werden diese zusammen mit Tanz, Theater, Musik, Literatur und Performances am Ende doch noch ein positiveres und anschaulicheres Bild von kanadischer Kultur vermitteln. Akademie der Künste bis zum 30. Januar, Katalog 32 Mark, Veranstaltungskalender 8 Mark. Ernst Busche

Bremen: "Paula Modersohn-Becker – Die Landschaften"

Die Ausstellung bildet den Auftakt zu einem über Jahre geplanten Zyklus, der das Gesamtwerk von Paula Modersohn-Becker zeigen und mit der begleitenden Katalogreihe den bisher vermißten Œuvrekatalog aufbauen will, Die in der kleinen, übersichtlich arrangierten Ausstellung zusammengefaßten Landschaften (die Bilder stammen aus den Jahren von 1899 bis 1902) zeigen dabei einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Künstlerin. Gerade in der Auseinandersetzung mit der Worpsweder Landschaft hatte Paula Modersohn-Becker ihre charakteristische Formensprache entwickelt, die weg von naturalistischer Wirklichkeitswiderspiegelung zu einer freien Konstruktion der Bildfläche mit wenigen elementaren Formen führte. "Worpswede, Worpswede, Worpswede! Versunkene-Glocke-Stimmung! Birken, Birken, Kiefern und alte Weiden. Schönes braunes Moor, köstliches Braun! Die Kanäle mit den schwarzen Spiegelungen, asphaltschwarz. ... Es ist ein Wunderland, ein Göttertand": Diese gern zitierte Tagebuchstelle beschreibt eindringlich Paula Modersohn-Beckers überschwengliche Liebe zur Worpsweder Landschaft. Die Bilder zeigen ihr unablässiges Bemühen, diese Natur künstlerisch einzufangen. Ein begrenzter Kreis, von Motiven – Birken, Moorgräben, Bauernhäuser, Sandkuhlen – kehrt immer wieder, wird in Unter- und Aufsicht, von nahe oder fern dargestellt. Fast harmlos wirken diese Gemälde gegenüber den anstrengenden reflexionsbeladenen Landschaftsbildern mancher unserer modernen Kunstakrobaten. Rätselhaft, märchengleich versunken erscheinen sie dem Betrachter auch nach wiederholtem Hinsehen. Keine minuziöse Detailschilderung verwirrt, der Raum ist zur Fläche vereinfacht, keine schrillen, sondern tonig duffe Farben dominieren. Dabei werden keine Ereignisse erzählt, die Landschaften liegen ruhig, unbewegt da, fast erstarrt. Ziel für Paula Modersohn-Becker war nicht nur die Widerspiegelung der heimatlichen Umgebung, sondern ebensosehr das Aufspüren einer Idee in der Natur, das Bemühen, dem Betrachter die in die Landschaft eingeprägte "Runenschrift" verständlich zu machen. Mit diesem beinahe mythischen Streben rückt sie in die Nähe zu Böcklins Bildern, die auf sie zeitlebens eine große Anziehungskraft ausübten. Mit der betont einfachen Formensprache werden Sicherheit und Ruhe vermittelt: Nichts Aufschreckendes stört die ländliche Harmonie, Ordnende Geometrie, stützendes Gitterwerk, regelmäßige Reihung sind die Kunstmittel, mit denen Alltägliches geschildert wird. Als einen Gegensatz zum Landleben hatte Paula Modersohn-Becker die Großstadt erfahren, Paris, Berlin, auch Bremen stimmten sie traurig. Der Mensch schien ihr dort ausgelöscht zu sein, Wie eine Flucht erscheint unter diesem Gesichtspunkt der bewußte Rückzug in die ländliche Idylle. Aber Paula Modersohn-Becker hat diese Reaktion auch als eine Gefahr erkannt, Nach wiederholten Paris-Reisen fühlte sie zunehmend die einengende Wirkung ihres harmonischen Landlebens und langsam empfand sie, wie "manche Scheidewände, die Worpswede zwischen mir und der Welt aufrichtete, fallen". (Kunsthalle Bremen bis zum 20. März 1983, Katalog 19,– DM).

Elke von Radziewsky

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Yves Tanguy – Europäische Retrospektive" (Staatliche Kunsthalle bis 2. 1. 1983, Katalog 38 Mark)