Von Theo Sommer

Wir Deutsche haben eine fatale Neigung, uns in der Sicherheitspolitik über die falschen Dinge aufzuregen. Selten ist dies deutlicher geworden als in der vorigen Woche.

Die dicksten Schlagzeilen erhielt die unwichtigste Geschichte: der Bericht des Londoner Guardian, daß die Amerikaner planten, ihr Hauptquartier aus Stuttgart-Vaihingen ins englische High Wycombe zu verlegen. Es war ein ungenauer, unvollständiger Bericht: Der Plan gilt für den Verteidigungsfall; auch für andere Kommandozentren werden Ausweichquartiere vorbereitet; die operative Führung läge im Kriege ohnedies in den Händen des Nato-Oberkommandierenden, der seinen Befehlsstand im belgischen Mons hat; das Hauptquartier in England wäre in erster Linie ein Zentrum zur Koordinierung des Nachschubs.

An solcher Vorsorge ist nichts Skandalöses und erst recht nichts Verwerfliches. Deswegen ist auch schwer zu verstehen, daß die Verteidigungsbürokraten in Washington, Bonn und London den Guardian-Bericht erst tumb dementierten, ehe sie seinen Kern dann doch verlegen eingestanden.

Der Eiertanz der Amts-, Verantwortungs- und Bedenkenträger konnte nur den Verdacht bestärken, daß die Amerikaner im gleichen Augenblick, da sie sich anschicken, den Kontinent mit neues Kernwaffen zu bestücken, sich selber hinter den Ärmelkanal absetzen. Alle deutschen Traumata wurden da auf einmal berührt: daß auf unserem Boden ein begrenzter Nuklearkrieg geführt werden solle; daß Amerika sich abkoppele; daß es mit der Vorneverteidigung, wenn schon Stuttgart gefährdet erscheine, ja wohl nicht weit her sein könne. Dieser Katalog der Ängste muß nicht völlig unbegründet sein. Mit dem Standort der US-Nacnschubzentrale hat er jedoch nicht das geringste zu tun.

Wientiger, indessen weit weniger beachtet, war das zweite Thema der Woche: der Rogers-Plan, den der Nato-Oberbefehlshaber den in Brüssel versammelten Ministern noch einmal vorgetragen hat. Der General geht davon aus, daß die Bündnisarmeen der ersten Welle eines Angriffs widerstehen könnten; er wünscht jedoch die beschleunigte Einführung konventioneller Fernwaffen, mit denen die zweite und dritte Staffel des Warschauer Paktes in ihren Bereitstellungsräumen zerschlagen werden könnten. Dafür wäre er bereit, die 6000 Atomwaffen in Europa (rund 4000 davon in der Bundesrepublik) um einige tausend zu vermindern. Ganz will Rogers auf Atomwaffen nicht verzichten; als Abschreckungsfaktor gegenüber einem sowjetischen Ersteinsatz möchte er sie erhalten. Aber dem Zwang zum eigenen Ersteinsatz möchte er sich auf diese Weise weithin entziehen.

Dies ist ein vernünftiges Konzept. Die Einwände mancher westdeutscher Militärs und Diplomaten klingen demgegenüber wenig plausibel. Die amerikanische Nukleargarantie werde unterminiert, klagen sie, und damit die Abschreckung. Unfug: Es würden Waffen abgezogen, die nur uns selber schrecken müssen. Fast zwei Drittel der taktischen Atomwaffen in der Bundesrepublik haben eine Reichweite von weniger als 25 Kilometern; setzten wir sie ein, würden wir vor allem uns selbst zerstören. Bonn hat jedes Interesse, Rogers den Rücken zu steifen.