Dpa brachte es ans Licht: Der Münchner Droemer Knaur Verlag wolle in diesem Monat ein verschollen geglaubtes Dokument veröffentlichen, demzufolge die amerikanische Hochfinanz und Ölindustrie von 1929 bis 1933 Hitler mit 32 Millionen Dollar (umgerechnet 120 Millionen Reichsmark) finanziert hat. Verfasser des 1933 erstmals in Holland erschienenen Büchleins sei der amerikanische Bankier Sidney Warburg. Herausgeber Ekkehard Franke-Gricksch, Chefredakteur des in Leonberg erscheinenden Magazins Diagnosen‚ und der Verlag versicherten, die Quelle sei "absolut seriös". Man habe den Text von einem holländischen Arzt bekommen, ihn übersetzen lassen und auch Historikern im Ausland vorgelegt.

Historiker im Inland zu befragen hatte man vergessen. Dabei sitzt nebenan in München das Institut für Zeitgeschichte, das bereits 1954 eben jene Schrift als Fälschung entlarvt hatte. Der Verlag,, von mehreren Seiten gewarnt, trat von dem Projekt in letzter Minute zurück – die Druckfahnen lagen schon vor. Anders lautet die Version des Herausgebers: Er selber habe den Vertrag mit Droemer gekündigt. Unbekümmert begann er, wie geplant, mit einem Vorabdruck in seinem Magazin ("So wurde Hitler finanziert"). Obschon er wissen mußte, daß es einen Sidney Warburg nie gegeben hat, setzte er seinen Lesern die Mär vor, der Autor sei der Sohn eines der größten Bankiers in den Vereinigten Staaten gewesen.

Wie man hört, hält sich der ehemalige Burda-Journalist Frank Gricksch, 49 Jahre alt, viel darauf zugute, daß er Dinge publiziert, die ein normaler Journalist nicht einmal mit der Feuerzange anfassen würde. Als Gründungsmitglied der rechts angesiedelten "Grünen Aktion Zukunft" brachte er 1979 eine Zeitschrift Gesunde Medizin heraus, die er alsbald umtaufte in Diagnosen – Das zeitkritische Magazin. Das Monatsblatt, das Professoren wie Julius Hackethal im Beirat hat, streitet nicht nur gegen Atomenergie, Atomwaffen und Umweltverschmutzung, sondern auch gegen den "Wucher-Kapitalismus", gegen Amerika und die internationale Verschwörung der Bankiers. Mitunter wird Neo-Braunes untergemischt, zum Beispiel ein Artikel über die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 nach dem Motto "Alle Freimaurer sind potentielle Landesverräter".

Erst mit der vierten und letzten Folge der, Enthüllungsserie im Silvesterheft sollen die Leser erfahren, "warum wir den Fall Warburg bringen". Ein Doktor Walter Nelz, angeblich Schweizer Historiker und Sozialdemokrat, präsentiert als Indizien für die Echtheit des Textes umwerfende Argumente: Unbestritten sei die Broschüre im Herbst 1933 erschienen; die auffälligen Irrtümer und Oberflächlichkeiten sprächen gerade für einen Großbankier als Autor, der frisch von der Leber weg schreibe; und ein so vornehmer Verlag wie Van schreibe; & Warendorf in Amsterdam wie nicht ohne weiteres auf primitive Fälschungen herein.

Damals, kurz nach dem Regierungsantritt Hitlers, wimmelte es in Amsterdam von deutschen Emigranten, die jedes Gerücht aufgriffen, guten Glaubens oder in der Absicht, daraus eine Waffe gegen die Nazis zu schmieden. Angeboten wurde das Manuskript von dem Holländer J. G. Schoup, der es aus dem Englischen übersetzt haben wollte und zur Identifikation gefälschte Briefbogen mit dem Briefkopf einer Firma Warburg & Warburg, 5754, Fourth Avenue, New York, vorlegte. (Eine solche Firma gab es nicht, und die Avenue hört bei Nr. 420 auf.) Der Inhalt ist haarsträubend komisch: Hitler, Maßkrüge voll Bier konsumierend, empfängt im Hinterstübchen des Bürgerbräukellers Rockefellers Abgesandten Warburg, den er trotz seines weltbekannten jüdischen Namens für einen deutschen "Arier" hält und von dem er, gar nicht bescheiden, hundert Millionen Mark verlangt.

Als der Verlag vom Bankhaus Warburg in Amsterdam aufgeklärt wurde, zog er sofort die Auflage zurück. Herausgeber Schoup, wegen Geldbetrugs und angemaßten Doktortitels vorbestraft, redete sich heraus: Er habe sein Wissen mit dem Schleier einer Übersetzung getarnt.

Doch seine Fälschung wurde nach dem Krieg von einem Schweizer Antisemiten in neuer Verpackung aufgewärmt und auch in deutschen Zeitungen verbreitet. Er hat auch einen neuen Autor erfunden: den angesehenen New Yorker Bankier James P. Warburg, der sich 1949 mit einer eidesstattlichen Erklärung gegen diese dreiste Unterstellung verwahrt hat. Dennoch greift Diagnosen diese Version begierig auf. Es gibt offensichtlich immer noch Leute in Deutschland, die auf dieses alte Märchen hereinfallen: Entlastet es doch auf einzigartige Weise unser Volk sowohl von Hitler als auch von Auschwitz. Leider sind wir noch nicht so weit, daß wir über Spinner und Gauner nur lachen können. Karl-Heinz Janßen