Von Heinz-Josef Herbort

Das Ereignis besaß apokalyptisches Format. Zwar steht uns, ganz im Sinne der Apostelgeschichte, "nicht zu, Zeit und Stunde zu wissen", aber irgendwann, am Ende der Würm-Eiszeit, so vor rund 10 000 Jahren (andere sagen: noch früher), muß es passiert sein. Dort, wo heute dreißig Kilometer westlich von Chur der Vorderrhein fließt, hatte viele Jahrtausende lang ein Talgletscher eine Stütze abgegeben für die bis zu 800 Meter hohen Talflanken, die das sich verschiebende Eis geschnitten hatte. Als aber die Gletscherzunge sich zurückzog, verloren diese senkrechten, zum Teil sogar überhängenden Wände immer mehr an Halt. Die Katastrophe war so unausbleiblich wie unaufhaltbar: Rund 13 Milliarden Kubikmeter Jura- und Kreidekalk brachen und rutschten zu Tal – der größte Bergsturz Europas war eine Angelegenheit von wenigen Stunden.

Bei einer Minute sechsundfünfzig Sekunden muß heute an ungefähr derselben Stelle ein Skifahrer nach einer 3400 Meter langen Strecke durchs Ziel gehen, wenn er unter die ersten zehn eines Weltcup-Abfahrtslaufes kommen wollte. Möglichst weit darunter hätte er auch dieses Jahr bleiben müssen, wenn – ja wenn es kurz vor und vor allem am 5. Dezember Schnee gehabt hätte. Aber die sechzig Zentimeter, die selbst unten im Ort schon lagen, schmolzen bis zur Höhe der Waldgrenze bei 1800 Metern bei einem neuerlichen Wärmeeinbruch unter Föhneinfluß dahin und mit ihnen die Hoffnung, daß das graubündnerische Laax auch dieses Jahr wieder eine Station für den Wander-Zirkus des Ski-Alpin-Weltcups sein könnte. "Nun ja, in Gottes Namen", tröstet sich der Direktor des Verkehrsvereins, Franco Palmi, "das Risiko sind wir eingegangen – wir hatten bislang immer nur Glück und jetzt einmal Pech, aber deswegen müssen wir doch nicht lange herumtrauern." Und Hotellerie, Bergbahnen und Pistenwalzenfahrer werden sich darauf einrichten, vielleicht auch in diesem Jahr "Feuerwehrübungen zu veranstalten", wie 1977, als sie im Januar das Kandahar-Rennen von St. Anton, oder 1978, als sie im März das Lauberhorn-Rennen von Wengen übernahmen.

"Offiziell" gerannt wird in Laax seit 1974, als man erstmals schweizerische Landesmeisterschaften veranstaltete. Hinfort durfte man jährlich um den 20. Dezember bei Europa-Cup-Abfahrten dem Spitzensport-Nachwuchs eine Chance geben, nach 1977 dann auch mehrfach den Weltcup beherbergen, hofft jetzt auf einen "festen Termin" für den Durchzug der "weißen Karawane", drückt derweil dem weiland Automechaniker, jetzo (nach letztjährigem Gewinn der Vizeweltmeisterschaft) Sportgeschäfts-Inhaber Conradin Cathomen, 23 Jahre, die Daumen zu abermaligem Erfolg, von dessen Glanz ja auch ein ganz klein wenig auf seinen Geburts- und Heimatort Laax abfallt, und hofft auf den in den nationalen A-Kader aufgestiegenen 18jährigen Olivier aus der ehrwürdigen Sippe der Cadun (aus deren Verästelungen auch so Merkwürdiges wie eine Dirigentin, Sylvia, Generalmusikdirektorin im deutschen Solingen, stammt).

Wann es "inoffiziell" begann, ist nicht mehr festzustellen – die 320 Einwohner von Laax hatten bis 1960 genug damit zu tun, um mit Land- und Forstwirtschaft, mit Bauhandwerk und Dienstleistungen wenigstens sich selber so viel Anreiz zu verschaffen, daß nicht auch sie vom zunehmenden Strom der Landflucht ergriffen wurden. Trotzdem: Die jungen Leute wanderten ab. Die Knabenschaft, der Chor, die Jungmannschaft, der Frauenverein sie lösten sich auf. Das Rätoromanische, dieser eigentümliche Alpenland-Dialekt, geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Gar manche Scheune in der typischen übereck und damit luftdurchlässigen gestapelten Balken-Konstruktion verfiel und kann erst heute wieder mit großem Aufwand renoviert und damit erhalten werden. Der Ort stand unter "Kuratel", was bedeutet: er wurde vom Kanton subventioniert. Es mußte etwas geschehen.

Das "Habsburger Urbar", 1303/08 von König Albrecht I. aufgestellt, ein Verzeichnis der habsburgischen Rechte im Gebiet von "Grafschaft, ambt und herrschaft ze Lags", war noch rigoros. Selbst die "Freien", Mitglieder eines Standes zwischen dem Grafen und den Leibeigenen, Besitzer von großen Eigentümern wie höchsten juristischen Privilegien, durften ihren Landbesitz niemals an einen "Ungenossen", einen Stand-Fremden, verkaufen; wer seine Tochter, Schwester oder ein anderes weibliches Wesen, das er verheiraten durfte, einem Ungenossen zur Frau gab, verlor selber Besitz und Freiheit, und alle Kinder aus einer solchen ungleichen Ehe "folgten der ärgeren Hand" (also dem niederen Stand, verloren entsprechend "Freiheit" und Standeszugehörigkeit).

1982 gehört die Hälfte der neugebauten Ferienhäuser und Chalets im alten Laax und im benachbarten Falera, vor allem aber in den neuerschlossenen Bereichen von Murschetg und Salums, betuchten Halb- oder sogar Ungenossen – Zürchern und Bernern, Leuten aus Stuttgart und Düsseldorf, Mailand und Paris.