Sechzehn Tote hat der nordirische Bürgerkrieg allein beim Attentat auf eine Disco-Bar bei Londonderry gefordert. Polizei und Armee erschossen in den letzten Wochen sechs Terroristen. Deren Organisationen schwören bereits neue Rache. Der britische Innenminister William Whitelaw untersagte den Besuch dreier nordirischer Abgeordneter in London. Ulsters Uhren gehen wieder ziemlich anders.

Verantwortlich für den Anschlag in Londonderry war die Irish National Liberation Army (INLA), eine Konkurrenztruppe zur IRA und derzeit an vorderster Front im Kampf gegen die Briten. Elf der Toten waren Soldaten; elf Soldaten hatte die INLA auch im vorigen Sommer bei den Anschlägen im Hyde Park und Regents Park getötet.

In England schlug die Empörung hohe Wellen. Niemand fragte, warum Soldaten in einer Bar verkehren durften, die wiederholt Bombendrohungen erhalten hatte. Der Zorn in London richtete sich gegen jene Abgeordnete der Sinn Few-Bewegung, die sich gerade anschickten, einer Einladung des Labour-Stadtratsvorsitzenden Ken Livingstone zu folgen. Ihnen wurde die Einreise verweigert.

Die Einreise? Von wo nach wo? Vom Vereinigten Königreich ins Vereinigte Königreich – anders läßt es sich ja wohl nicht formulieren. Sinn Fein mag als politischer Flügel der provisorischen IRA in enger Nachbarschaft zum Terrorismus stehen. Gerry Adams, einer der Abgewiesenen, mag das schlimme Wort geprägt haben, man werde gegen die Briten mit dem Stimmzettel in der einen und dem Schnellfeuergewehr in der anderen Hand kämpfen müssen. Aber Adams und seine beiden Begleiter Morrison und McGuiness hatte bei den Regionalwahlen in Nordirland im Oktober kandidiert, und sie waren gewählt worden, ohne daß die britischen Behörden, die in Ulster die Direktherrschaft ausüben, daran Anstoß nahmen. Wer in London ein "Sicherheitsrisiko" ist, darf in Belfast frei herumlaufen – eine Logik, die zu begreifen das Studium der britisch-irischen Geschichte erfordert.

Die Briten haben den Terroranschlag auf die Bar zum Anlaß genommen, ihr schlechtes Gewissen zu beschwichtigen, das sich weigert, die verfahrene Lage in Ulster konsequent zu durchdenken. Innenminister Whitelaw gab bei dem Reiseverbot der Hysterie aufgebrachter Printmedien nach und nicht seiner eigenen Überzeugung.

Die rechtsstehende Presse hatte schon tagelang vor dem Blutbad gegen den Besuch von Adams & Co. gewettert, weil sie den linksstehenden Gastgeber Livingstone, den "Roten Ken", nicht ausstehen kann. Der Daily Express brachte in der Woche des Attentats an drei Tagen große Aufmachungen gegen den Besuch der Sinn Fein-Leute. Die sechzehn Toten kamen dieser Kampagne auf eine obszöne Weise gerade recht.

Irische Vorgänge als Munition für die britische Innenpolitik: Die Tage des Premierministers Gladstone liegen zwar hundert Jahre zurück, sind aber anscheinend kaum vergangen. Die grenzenlose Verachtung der irischen Nachbarn, die in solchem Mißbrauch steckt, hält das Mitleid mit sterbenden jungen Soldaten in Ulster in gewissen Grenzen. Der neue Dubliner Regierungschef FitzGerald hat viel vor, wenn er da mäßigend wirken will.

Karl-Heinz Wocker (London)