Von Dieter Piel

Die Krise betrifft viele und macht viele betroffen: über 27 Millionen Versicherte und gut dreizehn Millionen Sozialrentner. Sie haben guten Grund, kritisch über Sicherheit und Leistungsvermögen der gesetzlichen Rentenversicherung in der Bundesrepublik nachzudenken. Die Nachrichten über die Solidität ihrer Versorgung im Alter klingen alles andere als beruhigend: Die nächste Rentenerhöhung wird verschoben und gekürzt; die Beiträge der Arbeitnehmer werden schon im kommenden Herbst erhöht – und doch werden die Rentenkassen im nächsten Jahr, wie auch schon in diesem Jahr, mehr ausgeben müssen als sie einnehmen.

Eine Zeitlang ist sogar von Krediten die Rede, welche die Rentenversicherung werde aufnehmen müssen, um ihren Verpflichtungen noch nachkommen zu können – erst nach einigem Zögern erklärt der Bundesfinanzminister, er werde es so weit nicht kommen lassen, sondern mit Steuereinnahmen zu Hilfe eilen. Dann heißt es, alle Einsparungen und Kürzungen reichten nur fürs kommende Jahr, und danach müsse erneut gekürzt und gespart werden – diesmal widerspricht niemand mehr.

Ganz offiziell wird vorgerechnet, daß die Reserven der Rentenkassen am Ende des kommenden Jahres günstigenfalls noch für einen Monat und sechs Tage reichten, bei strengerer Betrachtung sogar nur für fünfzehn Tage – und wahrscheinlich nicht einmal mehr so weit.

Fürs Publikum ist das schwere Kost. Noch vor drei Jahren hatte es vom zuständigen Bundesarbeitsminister – damals noch Herbert Ehrenberg (SPD) – vernommen, daß die Sozialrenten in den kommenden fünfzehn Jahren finanziell gesichert seien; dieser Erklärung waren freilich in den Jahren 1977 und 1978 geradezu rabiate Sparoperationen vorausgegangen. Das Jahr vor der Bundestagswahl im Herbst 1980 war prall angefüllt mit Berechnungen und Absichtserklärungen der Parteien über eine Reform der Rentenversicherung, die mehr und mehr eine „große“ Reform zu werden versprach. Man rechnete zwar gründlich; denn niemand wollte noch einmal, wie schon 1976, in den Verdacht des „Rentenbetrugs“ geraten. Doch man war optimistisch.

Die verbesserte Versorgung hinterbliebener Ehepartner durch eine sogenannte Teilhaberente von 1984 an war schon so gut wie beschlossen – nur über das Ausmaß der Verbesserungen wetteiferten die Parteien. Klar war auch, daß sich, mit Unterstützung aus der Bundeskasse, Kindersegen rentensteigernd auswirken sollte – offen schien nur noch, ob man den Müttern ein Rentenanwartschaftsjahr pro Kind anrechnen wollte, wie es die SPD vorschlug, oder ob es drei Jahre sein sollten (CDU-Empfehlung) oder gar bis zu zwölf Jahre, wie man es in Teilen des katholischen Lagers für ratsam hielt – drei Kinder bescherten demnach eine beitragsfreie Rente.

Wer sich noch ein wenig weiter, ins Jahr 1972, zurückerinnern mag, der kann die Krisennachrichten unserer Tage womöglich noch weniger verstehen. Damals rechneten alle im Überfluß und verteilten jene Prosperität, von der sie zweifelsfrei glaubten, sie werde der Rentenversicherung – und natürlich auch der Wirtschaft allgemein – in den kommenden Jahren zuwachsen.