In keinem Land wird das weibliche Geschlecht so geachtet wie in Amerika", schwärmte 1861 der deutsche Auswanderer Alexander D. in einem Brief nach Hause. Er hatte es mit eigenen Augen gesehen. In den überfüllten Bussen New Yorks räumten die männlichen Fahrgäste für einsteigende Damen widerspruchslos, ja geradezu eifrig die Sitze.

Denen war das aber nicht Platz genug. "Gerechtigkeit statt Gefälligkeiten" forderten sie 1868 in der feministischen Zeitschrift The Revolution. Die Revolution fand lange nicht statt – nicht 1868, nicht 1968. Es mußte fast erst das Orwellsche 1984 erreicht werden, bis ein Zustand, der lange für utopisch gehalten wurde, aus New York gemeldet werden konnte: Immer mehr Frauen sitzen auf Plätzen, die früher von Männern eingenommen wurden. Damit waren nicht mehr die im Passagierraum der Busse gemeint.

Frauen thronen heute immer häufiger ganz vorne im Bus hinter dem Steuer, als Verkehrspolizistinnen dirigieren sie ihm den Weg. Frauen sitzen in Versicherungsanstalten, in den Büros der Justiz, in den Arztpraxen – natürlich in den Vorzimmern, aber auch immer mehr im Chefsessel. Das erschreckt Mannchen.

Als "höchst dramatisch" bezeichnet eine amerikanische Zeitung den 300prozentigen Zuwachs von Frauen im Ingenieurberuf. Die Zahlen erstaunen tatsächlich: Seit 1971 gibt es in den USA nicht mehr nur ein Prozent Ingenieurinnen, sondern ganze vier! "Die Statistik berichtet nur über schon Geschehenes", gibt Samuel Ehrenhalt, Beamter im Ministerium für Arbeit in Washington zu bedenken. Wenn alle Frauen, die im Moment ausgebildet werden, auf den Arbeitsmarkt fluten, dann, meint Mr. Ehrenhalt, würden sich die Zahlen "noch dramatischer" ändern. Schon zeichnet sich in einigen Berufen ja ab, was Mann da erwarten muß.

Bei den Gerichtsvollziehern, den Schadensregulierern in Versicherungsgesellschaften, bei den Maklern und nicht nur bei den Fließbandarbeitern, sondern tatsächlich auch beim Aufsichtspersonal gibt es heute mehr als 50 Prozent Frauen. 1961 waren es bei den Gerichtsvollziehern erst 22 Prozent, bei den Schadensregulierern nur neun. Auch die Blaustrümpfe sind in Amerika auf dem Vormarsch. Die Zahl der Rechtsanwältinnen und Richterinnen schwoll von vier Prozent im Jahre 1971 auf 14 Prozent 1981, die der Ärztinnen von neun auf 22. Oh, schöne Neue Welt!

Den Wettlauf mit der Alten Welt um die höchste Zahl von Frauen in Männerberufen gewinnt Amerika indes nicht. In der Bundesrepublik sind 25 Prozent der Ärzte mit Frau Doktor anzureden, allerdings war das schon so vor fast zehn Jahren. Deutsche Richterinnen machen 16 Prozent ihres Berufstandes aus und Rechtsanwältinnen neun Prozent – 1973 waren es nur elf bzw. sechs Prozent.

In den Tabellen des Statistischen Bundesamtes erscheinen allerdings schräge Striche in der Rubrik Juristinnen. Bei den einprozentigen Stichproben des Mikrozensus in den letzten Jahren hatten die Volksbefrager in den erfaßten Haushalten weniger als 50 Exemplare der seltenen Spezies Richtennnen und Rechtsanwältinnen gefunden. Weil solches Ergebnis für die Hochrechnung des Bundesamtes für Statistik zu dünn ist, wird über die Frauen in den Talaren "kein Nachweis" geführt. Noch also ist die Zeit nicht reif für den "Karrierelook", den die Hamburger Kosmetikfirma Beiersdorf in diesem Herbst auf den Markt brachte, da auch bei den Unternehmerinnen und Geschäftsführerinnen die Frauen über 16,9 Prozent nicht hinaus kommen.