Als Hebbel zu schreiben anfing, war er 22 Jahre alt; ich auch. Schon begann er, ein wenig zu publizieren; ich auch. Von Hamburg ging er nach Heidelberg, wo er die Landschaft liebte, den Odenwald, den Blick über Tal und Rheinebene, den Königsstuhl, den er nächstens bestieg, wie ich hundertmal. Und dann ging er nach München, meiner Heimatstadt. So weit wenigstens reichte der Vergleich; und genügte. Nach Heidelberg zurückgekehrt, fing ich prompt an, ein Tagebuch zu führen mit der Überschrift: "Im Stil Hebbels." – Seines war besser.

Übrigens trotz aller von außen kommenden Erniedrigungen, der Armut, der Hilfe unerfreulicher Gönner oder Gönnerinnen, entschieden stolzer. So gleich die ersten Sätze: "Ich fange dieses Heft an nicht allein meinem künftigen Biographen zu Gefallen, obwohl ich bei meinen Aussichten auf die Unsterblichkeit gewiß sein kann, daß ich einen erhalten werde. Es soll ein Notenbuch meines Herzens sein und diejenigen Töne, welche mein Herz angibt, getreu, zu meiner Erbauung in künftigen Zeiten aufbewahren." Nicht eigentlich Notizen am Abend oder am nächsten Morgen über des Tages Tun und Geschehen. Selten Datierungen; immer dort, wo lange Partien aus eigenen Briefen abgeschrieben werden; sonst nur gelegentlich. Neue Freunde oder Bekannte werden nicht eingeführt, nicht einmal sein schlichter Münchner Bettschatz; sie erscheinen da, wo sie ihm etwas des Erinnerns Wertes sagten, wo es etwas Komisches, Groteskes, Ernstes, Trauriges über sie zu notieren gibt. An einem Münchner Jahresende erwähnt er, im Laufe des Jahres Schelling und Goerres kennengelernt zu haben; wann das war, und welchen Eindruck diese beiden höchst merkwürdigen Gestalten auf ihn gemacht hatten, erfahren wir nicht.

Auch weitreichende Ortsveränderungen werden nicht immer wahrgenommen. Er ist in Hamburg; eines Tages ist er in Heidelberg. Der Umzug nach München, nach einem Heidelberger Frühling und Sommer, wird erwähnt, aber nicht, daß diese Reise über Straßburg führte. Die Vollendung eigener schriftstellerischer Arbeiten wird bündig vermerkt, kaum je worum es sich handelte. "Meine erste Erzählung angefangen am..., beendet am ..." Sehr häufige Lesefrüchte. Der junge Mensch liest ungeheuer viel, scheinbar ohne System, meistens wohl, was seine Freunde ihm leihen: die beiden Weimaraner natürlich, dann Jean Paul, Lichtenberg, Seume, Byron, E. T. A. Hoffmann, Kerners "Seherin von Prevorst", Gibbon, die historischen Werke Voltaires, das "Memorial de St. Helene", manch anderes über Napoleon und vieles, vieles mehr. Er schreibt auf, was ihn anspricht, lange Textstellen, philosophische, psychologische. Er übt Kritik, positive und tadelnde, mitunter, über Rücken, Platten, über den Heine der "Neuen Gedichte", bei aller Gescheitheit sehr ungerechte. "Man sollte", meint er, "in dieser hohlen Zeit, wo man nur auf und durch Papier lebt, eigentlich keine bedeutende Lektüre vornehmen, ohne zugleich zu rezensieren." Daran hält er sich. Stärkstens interessieren ihn historische Fakten, Zusammenhänge und Skurrilitäten. Letztere ganz besonders, und da ist ihm in München auch die "Bayerische Landbötin" recht: Fälle von Mord oder Wahnsinn oder Gespenstergeschichten, Vorahnungen, die in Erfüllung gehen – daraus später die arge Ballade vom "Heiaeknaben". Insgesamt läßt uns dieser Teil der Notizen den autodidaktischen Bildungsprozeß eines zukunftbeladenen Jünglings erleben.

Was das Buch, eben für Hebbels Altersgenossen, so ergreifend macht, ist viel mehr als jener Bildungsprozeß. Es ist das Ringen mit sich, mit Gott und Welt und allen dumpfen Wundern des Seins. Sollen wir ihn fromm nennen? Unbedingt. Einen Christen vielleicht, einen Protestanten sicher, und einen, der ohne Religion sich nicht denken kann. "Religion ist erweiterte Freundschaft"; "Nur wer Gott liebt, liebt sich selbst"; soll heißen, ist im reinen mit sich selbst, anstatt an sich zu leiden, was ihm freilich nur zu oft geschieht: "Oh, wie oft flehe ich aus tiefster Seele: oh, Gott, warum bin ich, wie ich bin! Der Entsetzlichste!" Ein Verzweiflungsschrei aus tiefster Seele; eine gültige Aussage keineswegs.

Jugend, zumal einsame, ist die Epoche des Philosophierens, im Gespräch mit anderen oder mit sich allein. Er liest keine Philosophen von Profession, nur solche, die, wie Lichtenberg, auf eigene Faust grübeln – ,,Originalphilosophen" nannte man sie im 18. Jahrhundert. Genau dies ist er selber. "Alles kann man sich denken, Gott, den Tod, nur nicht das Nichts."

Mit sich selber beschäftigt bis zum Extrem, manchmal zufrieden und dankbar, euphorisch nie, oft zweifelnd bis Zur Verzweiflung – die Quellen all seines Unglücks sei sein Dichtertalent, zu bedeutend, um unterdrückt zu werden, zu gering, um ihn zu tragen – immer angespannt, immer äußere und innere Erlebnisse mit demselben Willen zum Wissen analysierend, hält er auch seine nächtlichen Tribute für wert, festgehalten zu werden. Und seine Phantasie ist die stärkste und bunteste im Traum.

Das Politische in engeren Sinn interessiert ihn kaum. Freilich aber kann er nicht umhin, über das historische Stück Zeit nachzudenken, mit dem er wird zu Rande kommen müssen: noch immer die nachrevolutionäre, nachnapoleonische Zeit. Ein Zeitalter der Ruhe, meint er. Auch: Ein Zeitalter der Massen, nicht mehr der einzelnen, welch letztere es um so schwerer haben, sich zu finden und sich durchzusetzen. Übrigens ist er selber durchaus kein Revolutionär, nicht wie sein Jahrgangsgenosse, Georg Büchner. Der, bürgerlich privilegiert, konnte es sein, konnte, vergebens zwar, versuchen, die armen Bauern zum Aufstand zu rufen Jener nicht, der aus dem Elend Kommende, im Elend Stolze, mit der Verwirklichung der eigensten Gaben durchaus Beschäftigte.