Von Rolf Michaelis

Pfui, pfui, fort mit den schrecklichen Mördereien." So stöhnte vor zweihundert Jahren ein zum Lobe William Shakespeares entschlossener Mann, der als Hirtenbub von preußischen Werbern zum Soldatendienst gepreßte Ulrich Bräker, nach dem Titel seiner "Lebensgeschichte" besser bekannt als "Der arme Mann im Toggenburg". In den noch immer lesenswerten Aufzeichnungen über seinen "lieben William" warnt der spätere Schweizer Landwirt und Baumwollweber vor der frühesten, um 1590 geschriebenen Tragödie des Engländers, "Titus Andronicus", gleich im ersten Satz: "Ein schreckliches, ungeheures, grausames, teuflisches Stück." Der Kummer des Mannes im Jahrhundert von Aufklärung und Moral ist groß: "Nein, William, hier bringst du fast keine guten Menschen aufs Theater." Und so verschweigt er lieber, daß der Titelheld die beiden Söhne der gotischen Königin Tamora nicht nur ersticht, sondern sie ("mach zwei Pasteten dann aus euren schändlichen Köpfen") der Mutter ("ein Ungeheuer oder gar des Teufels Großmutter") auch noch auftischt.

Wer am Morgen nach der Premiere von Christof Nels Inszenierung des auch wegen seiner Greuel als "unspielbar" geltenden Mord- und Menschenfresser-Stücks im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg "Europas größte Tageszeitung" sieht, bekommt als wichtigste Meldung auf Seite 1 von Bild serviert: "Ehepaar aß sechs Menschen auf. Weitere 10 Leichen in Tiefkühltruhe."

Zweihundert Jahre, nachdem Bröker "Etwas über William Shakespeares Schauspiele / von einem armen ungelernten Weltbürger / der das Glück genoß / ihn zu lesen" veröffentlicht hatte, schrieb sein gelehrter helvetischer Landsmann, Max Lüthi, ein kluges Buch über "Shakespeares Dramen". Lüthis Sätze über das Jugendwerk, von dem manche annehmen, Shakespeare habe es gemeinsam mit anderen verfaßt, kann man lesen als Urteil von Universitäts- und Theater-Leuten: "Ein primitives Rache-, Buhl- und Greuel-Stück; für uns Heutige ist die Grenze vom Gräßlichen zum Lächerlichen hier überschritten."

Überschritten war diese Grenze auch für manche Zuschauer der Premiere im wunderlich schön stimmungsvollen Ausweichquartier des Schauspielhauses, einer riesigen, alten Fabrikhalle in der Barmbeker Jarrestraße. Doch war es ein anderes Lachen als vor dreizehn Jahren in Basel: Auf dem Höhe-, dem Tiefpunkt des Vietnam-Krieges arrangierte Hans Hollmann "nach" Shakespeares Trauerspiel in fünf Akten eine grotesk witzige Beat- und Strip-Collage: "Titus Titus – 50 theatralische Vorgänge". Ein paar Wochen später brach in Kassel Kai Braak die Tragödie auf in 30 Szenen (übersetzt von Claus Bremer und Renate Voss). Zur selben Zeit schrieb – wieder ein Schweizer – Friedrich Dürrenmatt seine Bearbeitung der Tragödie als – "Komödie", weil er den "Titus" für "unübersetzbar" hielt und aus Respekt vor dem "Erstlingswerk Shakespeares": "Die einzige Tragödie, die er frei erfunden hat."

Nach so vielen Ausflüchten nun ein direkter Zugriff, mit Erich Frieds neuer Übersetzung, in einer über dreieinhalb Stunden dauernden Aufführung: eine (bei Nels Temperament) überraschend ruhige, ja oft stille Inszenierung. Nel verliert sich nicht in Äußerlichkeiten, verklärt die immer raschere Folge von Folterung, Vergewaltigung, Verstümmelung, Totschlag, Mord – von den 25 Personen auf dem Programmzettel bleiben 14 als Leichen auf dem Schlacht-Hof der Bühne – aber auch nicht zum Ritual eines falsch verstandenen "Theaters der Grausamkeit". Als ob die Kennzeichnung des Erstdrucks von 1623, "Lamentable Tragedy", szenisch beglaubigt werden sollte, blüht das Spiel aus einem Grund von Wehklage und Jämmerlichkeit, Welttrauer und Intrige.

Der faszinierende, der irritierende Zwielaut der Aufführung wirkt um so eindringlicher, als die an Zirkus, Arena, Stadion erinnernde Bühne ("Raumkonzeption": Erich Wonder) auch eine blutig schreierische Show aus sex and crimeerwarten lassen könnte. Zwei riesig gewölbte Tunnels an den Schmalseiten öffnen sich auf ein lang gestrecktes, rechteckiges Spielfeld. An den Längsseiten sitzen, wie auf Tribünen eines Sportfeldes, in sechs steil gestaffelten Bankreihen die Zuschauer.