Oft, wenn von absichtlichen, sinnlosen Zerstörungen die Rede ist, wird der Begriff "Wandalismus" bemüht (seit einiger Zeit mit W, früher mit V geschrieben). "Wandalismus" steht für rohe Zerstörungswut, und das Wort Wandale wird manchmal – aber, wie der Duden hinzufügt, unberechtigterweise – im Sinne von "zerstörungswütiger Mensch" gebraucht, Weit verbreitet ist nun die Ansicht, das Wort Wandalismus hänge den Wandalen, jenem germanischen Volksstamm, der während der Völkerwanderung aus dem Gebiet des späteren Schlesiens und Westpolens durch Europa über Spanien nach Nordafrika zog, seit dem Jahre 455 an, in dem sie unter ihrem König Geiserich die Stadt Rom besetzten und sie plünderten, Und meistens wird diese Ansicht noch mit der Vorstellung verbunden, die Wandalen hätten Rom in blinder Wut zerstört, vor allem Roms Kunstwerke. Aber beides ist nicht richtig.

Das Wort Wandalismus ist sehr viel jünger. Es entstand gut dreizehn Jahrhunderte nach jener Besetzung Roms durch die Wandalen, nämlich während der Französischen Revolution. Am 31. August 1794 gebrauchte es der Bischof von Blois, Henri Grégoire, als Mitglied des Nationalkonvents in einer Rede, in der er die Plünderung der Schlösser und die Zerstörung von Kunstwerken und von Heiligenfiguren und Denkmälern durch Anhänger der Jakobiner und den Pariser Pöbel leidenschaftlich verurteilte. Anknüpfend an die Plünderungen Roms durch die Wandalen bezeichnete Grégoire die Plünderungen und Zerstörungen in Frankreich als "vandalisme", Wandalismus.

Lange Zeit hatte dieses Wort keine besondere Rolle gespielt. Der Historiker Leopold von Ranke nahm es bei seiner Darstellung der wandalischen Plünderung Roms nicht auf. In unserem Jahrhundert aber ist "Wandalismus" ein Reizwort.

Die Wandalen (etwa 80 000 Menschen) saßen seit fast 25 Jahren in Nordafrika, Dem Wandalenkönig Geiserich war es gelungen, dort das erste unabhängige Germanenreich auf römischem Boden zu errichten. Im Frieden von 442 hatte Kaiser Valentinian III. das Wandalenreich als selbständig – anerkannt. Daß der Kaiser dies tat und damit die Kornkammer des Reiches und eines der Hauptgebiete der Olivenölerzeugung und die Stadt Karthago damit faktisch abschrieb, macht deutlich, wie schlecht es zu jener Zeit um das weströmische Reich stand. Von allen Seiten wurde es bedrängt, besonders von Germanen und Hunnen. Um gegen die Hunnen unter Attila bestehen zu können, brauchte Valentinian wenigstens mit den Wandalen Frieden. Neun Jahre später wurde die Hunnengefahr durch den römischen Sieg auf den Katalaunischen Feldern gebannt (451). Aber der Sieger über Attila, der Feldherr Aätius, der unter Valentinian. gut 20 Jahre lang die Regierung geleitet hatte, der "letzte Römer", wurde jetzt von Valentinian als gefährlicher Nebenbuhler empfunden und deswegen von ihm umgebracht. Dies rächten Freunde des Aätius, indem sie (am 16. März 455) Kaiser Valentinian ermordeten.

Den Tod Valentinians empfand Geiserich als Ende des Friedensvertrags mit Rom. Überraschend erschien er mit einer Flotte vor der Tibermündung. Das erschreckte Valentinians Nachfolger Maximus so sehr, daß er Roms Senatoren und jedem Römer die Flucht erlaubte und selber zu fliehen versuchte. Hierbei wurde Maximus von eigenen Leuten ermordet, Bei diesem heillosen Durcheinander war es den Wandalen ein leichtes, Rom ohne Kampf zu besetzen, am 2. Juni 455. Nach vierzehn Tagen zogen sie wieder ab.

Anzunehmen sie hätten in dieser Zeit die Stadt zerstören können, wäre unsinnig, ist auch damals nicht behauptet worden. Unzweifelhaft aber ist, daß sie. geplündert haben. Das war üblich. Früher waren es die Römer gewesen, die andere ausplünderten, manchmal auch deren Städte zerstörten, etwa in Griechenland und – im Jahre 70 – Jerusalem. Und im Hochmittelalter plünderten Deutsche italienische Städte oder zerstörten sie sogar,

War also die wandalische Plünderung Roms so besonders rücksichtslos, daß sie sich so lange im Gedächtnis erhielt? Später ist das behauptet worden. Richtig mag sein, daß Geiserichs Männer alles nur irgend Wertvolle zusammenrafften, Gold vor allem, aber selbst noch Kupfernes. Sie deckten das vergoldete Dach des Jupitertempels ab und erbeuteten angeblich auch, was Titus einst aus Jerusalems Tempel gestohlen hatte (wenn es denn noch vorhanden war). Sie nahmen zahlreiche Statuen vom Forum mit, dazu Tausende Gefangener, sogar die Kaiserin und deren Tochter,

Aber das wirklich Besondere dieser Plünderung lag darin, daß es um Rom ging. Zwar war Rom schon 45 Jahre zuvor einmal geplündert worden, von Alarichs Westgoten, aber nur drei Tage lang. Erst die wandalische Plünderung zeigte, was sich geändert hatte: die heimliche Hochachtung, die die Germanen jahrhundertelang der alten Hauptstadt entgegengebracht hatten, und ihre respektvolle Scheu gegenüber den Kaisern waren verlorengegangen. Dieser Schock war es, was sich den Römern, ja der ganzen Welt, unvergeßlich eingeprägt hat.