Erinnere ich mich an den ersten Flug nach Addis Abeba - es war im Spätherbst fast genau vor einem Jahr , so fällt mir sofort die Angst wieder ein, die ich hatte, die Angst, dem Vertrauen, das mir diese vielleicht 1 5 oder zwei Millionen Menschen geschenkt haben, nicht gerecht zu werden.

Auf diesem Flug hatte ich sozusagen 2 1 Millionen Mark, also ungefähr zwei Millionen äthiopische Birr in der Tasche. Viel Geld auf den ersten Blick; doch würde ich allen fünf Millionen Menschen, die in Äthiopien laut Unesco am Rande des Hungertodes leben, zu essen geben, wäre das Geld in zwei, drei Tagen verbraucht. Folglich mußte ich versuchen, wenigen Menschen möglichst wirkungsvoll zu helfen. Und ich mußte nur als Neuling ein überschaubares Gebiet suchen, in dem ich möglichst wenig falsch machen konnte. Natürlich hatte es ungezählte Angebote von ; professionellen Hilfsorganisationen gegeben, die Spenden umgehend für mich äuszügeDeh; Aber ich hatte in der Frank Elstner Sendung "Wetten, daß versprochen, mit einem Minimum an bürokratischem Aufwand und größtmöglichem persönlichen Einsatz für eine sinnvolle Verteilung des Geldes an Ort und Stelle zu sorgen. Aber wo - bei so viel Elend allein in Äthiopien.

Mein wichtigster Ansprechpartner in Äthiopien war eine staatliche Hilfsorganisation, die "Relief and Rehabilitation Commission" (RRC), die es dort seit ungefähr sieben Jahren gibt; Relief steht hier für Direkthilfe bei Hungernden, Rehabilitation für die Bemühungen, den Entwurzelten eine Existenz, eine neue Zukunft zu schaffen. Sie war es, die mich nach Äthiopien eingeladen hatte zu einem ersten Augenschein.

Bereits am ersten Tag im Ogaden, einer Wüste so groß wie die Bundesrepublik; die zur Sahel Zone gerechnet wird, sah ich zwei große Flüchtlingslager. Eines in Jijiga, ein anderes in Dekhabur, einmal mit 20 000, einmal mit 23 000 Menschen. Und diese Lager waren in ihrem Ausmaß, in ihrem Elend so unüberschaubar, daß ich mir im ersten Augenblick völlig hilflos vorkam. Ja, man wird hilflos, möchte an jeder Ecke mit anfassen oder auch nur ein Kind auf den Arm nehmen, und dabei weiß man genau: Es nützt überhaupt nichts, es ist nur sentimental.

In Jijiga ist eine Station der "Schwestern Christlicher Nächstenliebe", also des Ordens der Mutter Teresa. Die Frauen führen dort einen unvorstellbar aufopfernden Kampf gegen Krankheit und Tod, sie kämpfen gegen Amöbenruhr und Tuberkulose. Doch wenn sie die Kranken gesund gepflegt haben, schicken sie die Leute wieder ins Lafer zurück. So wollte ich es nicht machen, und so onrite ich es "angesichts der finanziellen Möglichkeiten nicht machen.

An diesem ersten Tag sah ich auch eine Farm in einem wilden, von Kakteen überwucherten Tal, das der Erer Fluß durchschneidet. Nur eine Talflanke ist von Feldern überzogen, auf der anderen Seite gibt es Elefanten und Löwen im undurchdringlichen Gestrüpp. Die ehemalige Privatfarm wurde von der RRC recht halbherzig geführt, sie schien ziemlich heruntergewirtschaftet, verfügte aber über so etwas wie eine Infrastruktur: Eine sehr komisch anmutende Telephonleitung, ein paar verrottete Traktoren, Elektrizität, wenn es nicht regnete. Was hatte die äthiopische Hilfsorganisation zukünftig mit dieser Farm vor? Eigentlich gar nichts, sagte man mir.

Nur 38 Kilometer vom Erer Tal entfernt, nahe der Ortschaft Babile, lag ein drittes Flüchtlingslager mit 1500 Menschen; es war das kleinste, das ich an diesem Tag sah, das überschaubarste. Das Wasser wird in Tankwagen eingefahren, rationiert in kleinen Tassen. Keine Möglichkeit, sich zu waschen. Die Menschen haben die Krätze, den Kopf voller Läuse, sämtliche Dannkrankheiten, die es nur gibt. Dann die Kälte. Das Lager Babile liegt im Gebirge, 1800 Meter hoch, die Nächte sind bitterkalt. Keine Decken, keine warmen Socken. Grauen in den abgestumpften Gesichtern und der Geruch von Elend über allem. Viel später sagte ein Illustrierten Reporter zu mir, er habe schon schlimmere Lager gesehen, eben "richtige" Todeslager. Mit Leid ist eben schwer zu verkaufen in einer Gesellschaft, deren Leidenschaften vornehmlich in Schlagzeilen wohlfeiler Boulevard Blätter ausgetragen werden.

Babileund die Farm, der fruchtbare Boden und das elende Lager - tagelang grübelte ich, ob der spontane Gedanke, die Flüchtlinge im Erer Tal anzusiedeln, zu verwirklichen wäre. Keiner machte mir Mut. Die Menschen, so wurde mir beschieden, seien mißtrauisch gegenüber der Regierung, dazu abgestumpft vom Lagerleben, das ihnen doch immerhin das Existenzminimum garantiere, längst verdorben für den freien Lebenskampf. Doch mir ging die Idee nicht mehr aus dem Kopf. Dann stand es fest: Ich würde es wagen. Man gab mir sofort grünes Licht "Versuchs mal "

In Deutschland folgte eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. Nachdem ich mich nach der Fernseh Sendung unter anderem über die Rechte und Pflichten eines eingetragenen Vereins hatte aufklären lassen müssen sowie über die erbrechtlichen Verwicklungen, die meine blauäugige Aufforderung, Markstücke an Bundespräsidenten zu schikken, im Falle des Todes eines der Adressaten zur Folge hätte haben können, ging es nun vornehmlich um praktische Probleme. Innerhalb von sechs Wochen mußten Autos, Zelte, Decken, Medikamente beschafft, ein kleines Team von Freunden und Fachleuten zusammengestellt, Fracht, Zollund Einreiseformalitäten erledigt werden. In diesen Monaten habe ich mehr gelernt, als mir in allen 15 Schuljahren beigebracht worden ist.

Die 500 Kilometer von Addis Abeba zum Lager Babile fuhren wir (ein Benediktiner Pater, ein Techniker, meine Lebensgefährtin) mit dem Jeep; über die Hälfte des Weges ist Schotterstraße. Und obwohl wir eigentlich so sehr auf das, was wir anpacken wollten, konzentriert waren, sahen wir die