Von Karsten Witte

Schon zum Vorspann dieser elenden Leidensgeschichte ertönt der Schlußchor aus Bachs „Matthäus-Passion“. Das Drama ist, ehe es beginnt, beschlossene Sache. Ein Zuhälter stirbt. Kein Hinterbliebener weint. Um ihn trauert ein Chor, dessen Klage ursprünglich einem anderen galt, der vielleicht auch für den Zuhälter Accattone starb. Kann das Gewöhnliche schön sein? Pasolini scherte sich um Fragen ästhetischer Scholastik nie. Er verletzte die guten Sitten des Genres, die sich stets besser dünkten als die schlechten Manieren des Stoffes. Er respektierte keine Grenzen, er verletzte sie und jene, die sie achteten. Bach zum Barackenmilieu und Dante-Verse im Munde der Vorstadt beschwören nicht die schneidige Enteignung von Kultur, sondern die Aneignung des Anspruchs, wo auch immer: unter Menschenbrüdern zu handeln.

Die Musik macht uns zu Ohrenzeugen eines Dramas, das keine Regeln der Einfühlung, des Mitleids, der Katharsis kennt. Nur eins wird gedas Leben im Zeitraffer der Zufälligkeit. Accattone lebt ein schon seinem Tod ergebenes Leben. Franco Citti, der Accattone eher durch sparsame Gesten vorstellt,als schauspielerisch darstellt, hat in vielen Bildern seinen Kopf gesenkt, als trüge er zu schwer an ihm. Auf den Tiber-Terrassen, wo er mit Freunden und Frauen rüde Scherze treibt, läßt jemand, mitten in einer wüsten Schimpftirade, den Satz fallen: „Ihr, die ihr eintretet, laßt alle Hoffnung fahren!“ Bei Dante Inschrift am Tor des Inferno, Aufforderung zum Fatalismus, den die Hoffnunglosen im Rom der sechziger Jahre, zum Zynismus plätten. Der Klagegesang ist auch historisches Zitat und den Bildern der grellen Hoffnungslosigkeit blasphemisch unterlegt. „Wir setzen uns mit Tränen nieder / Und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte Ruh! / Ruht, ihr ausgesogenen Glieder!“

Die sterbliche Hülle Accattones besteht aus ausgesogenen Gliedern. Zurück bleiben aber auch jene, die sie aussaugten. Die im Dickicht der Niedertracht, des Verrats und der rohen Gewalt am Aussaugen satt wurden. Aber die stehen ohnehin im Licht. Nur die im Dunkeln stehen, kriechen, vegetieren, die sieht man bei Pasolinis erstem Film (1961), der sich liebenden Blickes über die Leidensgenossen der subproletarischen Vorstädte beugt.

Wie todessüchtig dieser zarte Mann Vittorio ist, den die anderen Männer Accattone nennen, dem sein eigener Name enteignet wird. Weil er dem keine Würde abgewinnen kann, wird er das, was ihm nachgerufen wird. Ein Schmarotzer, ein Dieser kleiner Gewinnler und Frauenausbeuter, der, von allen ihren guten Geistern verlassen, nichts mehr hat, was ihn aufrecht hält. Eine Vision greift seinem physischen Tode vor. Er träumt, daß Accattone begraben und Vittorio, sein altes Ich, zur Trauer nicht zugelassen wird. Keine Chance, daß Vittorio („Der Sieger“) jetzt lebt. Er geht bloß seine Bahn, die ihm vorherbestimmt, zu Ende.

Aus sich selber schafft Accattone nichts. Mit seiner sexuellen Attraktion zu arbeiten, ist das einzig Produktive an ihm. Er macht Frauen von sich abhängig und läßt sie für sich arbeiten. Eine Randexistenz, die sich den Luxus leistet, aus dem Nichts ein Mini-Unternehmen aufzubauen. Ständig auf dem Sprung, rennend, flüchtend. Im Dauerlauf zum Abkassieren, was mager ausfällt; im Dauerlauf zum Spaghettitopf, der leer bleibt, den er mit List und Tücke wieder anpeilt und doch wieder stehen läßt, als er Stella, seine neue Geliebte auf der Straße nach dem Zuhause, das sie nie erreichen wird, abfängt.

In den Fatalismus verliebt, von Beruf Hungerleider, Streuner aus Spaß, hemmungslos selbstmitleidig und völlig gefühlsroh im Umgang mit Frauen. Er geht ihnen, wenn es geht, aus dem Weg; er fällt ihnen aber auf ihrem Weg brutal in den Arm. Den Anschein von Glück vermittelt Accattone nur unter seinesgleichen, den schwadronierenden, richtungslosen Freunden, die nichts als Manhatten feilhalten. Welche blutigen Witze über den Hunger, welche gewaltigen Tiraden zum Plan, ihn zu stillen!