Hemer

Auf dem Grabstein steht: "Unbekannte Mutter mit Kind – 15. 6. 1945". Das Grab ist eines von 97 auf einem unscheinbaren Friedhof am Rande der Stadt. Das Besondere an dem Grabstein ist nicht etwa die Inschrift, sondern vielmehr, daß er überhaupt existiert. Denn hier ruhen Tausende solcher Namenloser – in Massengräbern, ohne Grabstein. Ihre Namen sind noch unbekannter als der Ort, wo sie liegen: Hemer.

Hemer ist eine Kleinstadt mit etwa 35 000 Einwohnern östlich von Iserlohn. In diesem beschaulichen Ort am Rand des Sauerlands befand sich während des Zweiten Weltkriegs eines der größten Kriegsgefangenenlager des "Dritten Reichs – das Stalag (Stammlager) 6 A.

Von hier aus wurden zeitweise mehr als 100 000 Kriegsgefangene "verwaltet", mehr als 90 000 davon aus der Sowjetunion. Die meisten von ihnen kamen als Zwangsarbeiter in die Kohlezechen und Rüstungsbetriebe des Ruhrgebiets. Nur wenige hatten das Glück, auf die Bauernhöfe der Umgebung verteilt zu werden, wo es ihnen noch vergleichsweise gut ging. Im Lager selbst wurden nur die arbeitsunfähigen Gefangenen gehalten, die schon halb verhungert hierher transportiert worden waren. Oder Gefangene, die ausgemergelt von den Bergwerken an Ruhr und Emsher zurückgeschickt wurden – gezeichnet von Hunger, Tuberkulose und Typhus.

Es ist der örtlichen Bürgerinitiative für Frieden und Abrüstung zu verdanken, daß dieses dunkelste Kapitel Hemeraner Heimatgeschichte, das zugleich eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte ist, ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Die Initiative sammelte Daten und Dokumente und faßte sie in einer Broschüre zusammen.

"Diese Erde ist mit Blut getränkt", sagte Pastor Johannes Voigtländer auf einer Gedenkfeier am Volkstrauertag. Zu der Feier, die die Bürgerinitiative veranstaltete, reisten zwei Vertreter der sowjetischen Botschaft an, Hemers Bürgermeister Hans Meyer (CDU) folgte der Einladung, auch der WDR kam vor Ort.

Das Stalag 6 A bestand aus vier provisorisch eingerichteten Kasernenblocks, die sich bei Inbetriebnahme 1939 noch im Rohbau befanden. Nach und nach wurden 38 weitere Holzbaracken gebaut. Umgeben war das Lager mit einem doppelten Stacheldrahtzaun. Die Arbeitslager unterschieden sich in nichts von den Konzentrationslagern, wurden lediglich, so eine Anordnung der SS, "aus verwaltungstechnischen Gründen" nicht so bezeichnet.

Norbert Kick, heute 68 Jahre alt, wurde nach einer Kriegsverletzung 1943 zum Wachdienst nach Hemer abkommandiert. Die Erinnerung daran versetzt ihn heute noch in Schrecken: "Zwei- und dreistöckig lagen sie übereinander auf den Holzpritschen. Zusammengekrümmt, sich fahrig aufrichtend und wieder duckend, als fürchteten sie Schläge. Glasige, tief in den Höhlen liegende Augen. Lebende, noch lebende Leichen. Ich war erschüttert, schämte mich, ein Deutscher zu sein."

Viele Hemeraner wollen das heute nicht mehr hören. Nach seiner Ansprache auf der Gedenkfeier bekam Norbert Kick mehrere anonyme Anrufe, darunter: "Waren Sie das, der auf dem Russengen tat? friedhof kommunistische Reden hat? Erschießen hätte man Sie sollen!" Eine Frauenstimme im Hintergrund: "Das kann ja noch nachgeholt werden. Nicht alle Reaktionen waren so haßerfüllt, aber vergessen, verdrängen wollen die meisten es doch.

"Gleichmut ist an die Stelle christlicher Umkehr getreten", sagte Pastor Voigtländer. "Ja, wir laben nie wirklich Buße getan. Wir haben uns nie wirklich schuldig bekannt Das Morphium des Vergessens ist besser als das beißende Jod der Erinnerung."

Die Jungen bekommen oft nur ein stereotypes "Ich weiß nichts" zu hören, wenn sie ihre Eltern nach dem Lager fragen. Petra Schlottmann, 20 Jahre alt, in Hemer aufgewachsen, berichtet: "Die Gefangenen sind in den Erzählungen immer nur die, die nach der Befreiung die Kartoffeln vom Feld und die Hühner geklaut oder die Federbetten von der Wäscheleine gestohlen haben."

"Die müssen doch gesehen haben, was hier vor sich ging", sagt Loni Samsz, die es damals als Kind ja auch gesehen hat: "Manchmal fuhr der Pferdewagen mit den Leichen mehrmals am Tag quer durch den Ort. Die waren einfach nur so draufgeschmissen und mit Zementsäcken zugedeckt. Da sahst du hier ein Bein raushängen und da eine Hand raushängen, Ich weiß noch, ich war damals wahnsinnig entsetzt."

Per Pferdewagen zur letzten Ruhe gelangten nur "die Russen". Während die Italiener, Franzosen, Belgier und auch die Polen in Särgen und Einzelgräbern beigesetzt wurden, wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen in Massengräbern verscharrt. Norbert Kick erinnert sich: "Der Graben war etwa drei Meter tief und breit. Das Fuhrwerk war ganz nah herangefahren. Mit einem Haken zog der Fahrer die Toten herunter, die zu mehreren in den Graben kullerten. Es war ein grausiger Anblick: nackte Tote, teilweise schon in Verwesung begriffen. Mit Spaten und Stiefeln drückte der Mann die Toten fest an und deckte sie dann mit Erde zu."

Im Gegensatz zu den Gefangenen anderer Nationen wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen nicht gemäß der Genfer Konvention von 1929 behandelt. In ihr hatten sich die Vertragsparteien verpflichtet, gegenüber Kriegsgefangenen mindestens die Grundsätze der Menschlichkeit einzuhalten. Das Abkommen, so begründeten es die Nazis, gelte nicht für diese "roten Untermenschen". 1944 befanden sich allein 97 000 russische Gefangene im Lager. Sie erhielten schlechteres Essen, selbst die Schwerarbeiter unter ihnen bekamen pro Tag nur 700 Kalorien. Viele mußten, weil das Lager überfüllt war, den ganzen Winter über in selbstgegrabenen Erdlöchern vegetieren.

Als die 9. Armee der USA das Stalag 6 A befreite, fand sie 22 000 Gefangene vor. Wieviele zuvor ums Leben gekommen waren, ist nicht mehr festzustellen. Die einzigen Akten, die angeblich noch auffindbar sind, sind die des Friedhofsamts. Danach liegen in Hemer rund 23 000 Tote. Alle anderen Unterlagen, sagt Bürgermeister Meyer, hätten vermutlich die Amerikaner mitgenommen. Er selbst wisse gar nichts, er sei erst 1948 nach Hemer gekommen.

Die Bürgerinitiative nimmt an, daß es wesentlich mehr Tote sind. Dafür spreche, daß selbst nach der Befreiung weiterhin täglich etwa 100 Gefangene starben, obwohl sich die Lebensbedingungen langsam verbesserten. Zumindest von August 1943 an kamen täglich rund 100 Gefangene um, erzählt ein ehemaliger Offizier der Landesschulzenkompanie, die das Lager brachte. Somit wären allein in den letzten 20 Monaten vor Kriegsende 60 000 Gefangene gestorben.

Geblieben sind nur zwei kleine Friedhöfe. Der größere mit den 97 Einzelgräbern mißt gerade 67 Ar. Außer einem von der Sowjetunion errichteten Mahnmal mit kyrillischen Lettern erinnert nichts an die Toten. Der Friedhof liegt weit außerhalb der Stadt; kein Wegweiser, keine Gedenktafel macht auf ihn aufmerksam. Bis vor einiger Zeit durfte das Gelände nicht mal betreten werden – die Bundeswehr veranstaltete dort Schießübungen. Und das ehemalige Lager ist heute Bundeswehrkaserne. Auch dort keine Tafel, kein Kreuz, nichts, was an die gräßlichen Geschehnisse gemahnen würde.

Die Hemeraner hatten den traurigsten Abschnitt ihrer Vergangenheit perfekt verdrängt. Nie wurde ein offizielles, öffentliches Bekenntnis abgelegt, wie es nun, 37 Jahre danach, Pastor Voigtländer tat: "Nie wieder darf von unserem Boden aus ein Krieg geführt werden. Es dürfen auch nicht die Voraussetzungen für einen solchen Krieg geschaffen werden."

Viele, vor allem viele Ältere, reagieren jedoch gereizt und aggressiv, werden sie heute mit der Vergangenheit konfrontiert: "Geht doch in die Ostzone!", forderte ein pensionierter Lehrer die Ehefrau Norbert Kicks auf, als sie an einem Informationsstand für die Stalag-Broschüre der Friedensinitiative warb. Und: "Warum engagieren Sie sich denn so, noch dazu als Frau?" Ein anderer fragte skeptisch: "Steht da auch nichts vom Frieden drin? Davon kann ich nichts mehr hören!"

Roland Kirbach