Wenn wir nur so unsere Arbeitsplätze retten können: Seit der Auseinandersetzung über einen Lohnverzicht bei Saarstahl ist dieser Satz nicht nur von den Beschäftigten des vom Konkurs bedrohten Hüttenwerkes immer wieder diskutiert worden. Viele Arbeitnehmer in der Bundesrepublik haben sich in den vergangenen Wochen ähnliche Fragen gestellt und mit Kollegen oder im Kreis ihrer Angehörigen darüber gesprochen, ob der Verzicht auf Sonderzahlungen und andere freiwillige oder tarifliche Leistungen des Arbeitgebers nicht Entlassungen oder gar einem finanziellen Zusammenbruch des Unternehmens vorzuziehen seien. Denn in der Lohntüte bleibt dann immer noch mehr, als sonst später an Arbeitslosengeld überwiesen wird. Außerdem wird die Chance nicht vertan, den heute entgangenen Lohn später in besseren Zeiten zurückzuholen.

Saarstahl ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten haben in manchen deutschen Firmen ähnliche Verhandlungen stattgefunden, allerdings weniger spektakulär. Auch in anderen Ländern erklären sich die Mitarbeiter immer häufiger bereit, sich an der Sanierung ihres Unternehmens zu beteiligen. So haben bei amerikanischen Fluggesellschaften die Piloten und andere Gruppen des Personals in Gehaltskürzungen eingewilligt und zum Teil gleichzeitig weniger bequemen Arbeitsbedingungen zugestimmt, um ihre Gesellschaften vor dem finanziellen Absturz zu bewahren.

Während die Gewerkschaftsfunktionäre bei uns und anderswo noch mit zum Teil abenteuerlichen Forderungen aufwarten, vollzieht sich an der Basis eine Wende, die einen größeren Beitrag zur Bewältigung der Krise liefern könnte als alle von den Politikern oftmals recht großspurig als "Wende" angekündigten Programme und Maßnahmen. Viele Menschen spüren offenbar – und Umfragen scheinen dies zu bestätigen –, daß in der Vergangenheit an manchen Stellen des Guten zuviel getan worden ist. Was zunächst als willkommene Steigerung des eigenen Einkommens begrüßt wurde, entpuppt sich nun oftmals als Bedrohung für den Arbeitsplatz – weil die Kunden den Preis nicht mehr zahlen wollen. Am Beispiel des Flugpersonals: Die Piloten müssen sich entscheiden, ob in Zukunft wenige hochbezahlte Flieger eine kleine Gruppe zahlungskräftiger Kunden befördern will oder ob viele Angestellte damit beschäftigt werden, eine große Zahl von Fluggästen zu betreuen, die sich dieses Vergnügen nur bei günstigen Preisen leisten können.

Ähnliche Fragen müssen sich Kellner, Bauarbeiter, Taxifahrer, Hotelangestellte oder Krankenschwestern, aber auch Ärzte, Beamte und Angehörige anderer Berufsgruppen stellen. Die Arbeit hat nicht nur ihren Preis, der Lohn ist auch ein Preis.

Was bedeutet es denn, wenn auf den Parkplätzen deutscher und – viel mehr noch – amerikanischer Autofabriken billige Fahrzeuge aus Japan stehen? Es bedeutet schlicht und einfach, daß den dort beschäftigten Arbeitern ihre eigenen Produkte zu teuer geworden sind. Ähnliche Überlegungen ließen sich bei Videorecordern, Kameras oder Fernsehgeräten anstellen. Und warum reisen viele Deutsche ins Ausland, warum werden die meisten neuen Restaurants in der Bundesrepublik von Ausländern eröffnet? Es ist nicht nur der exotische Reiz, sondern auch der akzeptable Preis, der diese Erfolge erklärt.

Allein durch Lohnabschlüsse, die knapp unterhalb der Inflationsrate liegen, lassen sich diese Probleme nicht lösen. Dieser Prozeß dauert nicht nur viel zu lange, er trägt auch wenig dazu bei, die Lohnrelationen wieder in ein vernünftiges Verhältnis zu bringen. Überall da, wo in der Vergangenheit zu kräftig hingelangt wurde, werden sich gezielte Abstriche nicht vermeiden lassen – entweder bei den Einkommen oder bei den Arbeitsplätzen. Die Marktfrau weiß das. Wenn sie merkt, daß niemand ihre Salatköpfe will, reduziert sie lieber den Preis, statt sie verwelken zu lassen. An anderen Arbeitsplätzen ist dieser Zusammenhang nicht so leicht zu durchschauen. Aber es sieht so aus, als ob er sich langsam herumspricht.

Michael Jungblut