Von Erika Martens

Ingo Hafner, Chef der Wuppertaler Papierfirma Reinhardt Schmidt, hat es satt, Zielscheibe bissiger Gewerkschaftskommentare zu sein: "In diesem Jahr machen wir nichts", entschied er erbost. Zu Jahresbeginn sah das noch anders aus. Damals verloste die Firma zwölf Reisen im Wert von 1000 und 1500 Mark plus 300 Mark Taschengeld. Nach Ansicht der IG Druck und Papier hatte die großzügige Geste allerdings einen Haken. Die Teilnahme an der Lotterie war an eine Bedingung gebunden: Nur wer 1981 nicht mehr als fünf bis zehn Tage krank war, hatte eine Chance. Ziel der Aktion war es nämlich, den Krankenstand im Betrieb zu senken.

Kontroversen um den Krankenstand gibt es nicht nur in diesem Unternehmen. Auch in der Bonner Sozialpolitik spielt das Thema seit geraumer Zeit eine große Rolle. Je schwieriger die gesamtwirtschaftliche Lage, je düsterer die Aussichten auf eine bessere Zukunft wurden, desto heftiger entbrannte die Diskussion um die mißbräuchliche Ausnutzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Und schließlich, wer kennt ihn nicht, den Kollegen, der es vorzieht, nach einem Kater Arbeit Arbeit sein zu lassen, um seinen Rausch auf Kosten des Arbeitgebers zu Hause auszuschlafen? Wer hat nicht von dem Gartenbesitzer gehört, der regelmäßig im Frühjahr und Herbst seine Grippe nimmt, um sein Land zu bestellen? Und wer kennt nicht Geschichten über ausländische Arbeitnehmer, die das Wiedersehen mit der Heimat so sehr mitnahm, daß sie im Urlaub unpäßlich wurden – mit offiziellem Attest des Dorfarztes.

Gesicherte Zahlen kann zwar niemand nennen, denn die Statistik erfaßt die Krankfeierer nicht. Dennoch streiten Politiker und Ökonomen, Arbeitgeber und Gewerkschaften immer heftiger über das Ausmaß des Mißbrauchs. Sind fünf, zehn oder gar, wie manche behaupten, zwanzig Prozent der gut 1,1 Millionen Arbeitnehmer, die derzeit Tag für Tag wegen Krankheit fehlen, zu den schwarzen Schafen zu zählen? In jedem Fall, für die Unternehmen verursachen sie Kosten, die sich in der Gesamtwirtschaft zu Milliarden addieren.

Die Freien Demokraten waren die ersten, die in Gestalt ihres Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff die letzte soziale Errungenschaft der Großen Koalition, das Lohnfortzahlungsgesetz von 1969, auf die politische Bühne zerrten. Lambsdorff nahm die heftigen Auseinandersetzungen um den Bundeshaushalt während des ersten "Sommertheaters" im Jahre 1981 zum Anlaß, auch gleich etwas für die strapazierten Kassen der Unternehmen zu tun. Der sechswöchige Garantielohn, so nörgelte er, verleite die Mitarbeiter zum Müßiggang. Solchem Mißbrauch könne man nur durch sogenannte Karenztage beikommen, mit anderen Worten: Die Lohnfortzahlung für die ersten drei Krankheitstage muß gestrichen werden.

Munition für seine These lieferten dem "Wirtschaftsgrafen" (Gewerkschaftsjargon) prompt die Verbände der deutschen Arbeitgeber. Nach Berechnungen des Bundesverbandes Junger Unternehmer (BJU) etwa beliefen sich die Kosten für die Entgeltfortzahlung einschließlich der Nebenkosten 1980 auf gut 118 Milliarden Mark. Im Sozialbudget der Bundesregierung dagegen war für dieses Jahr nur eine Summe von 27 Milliarden Mark geschätzt. Der Rheinisch-Westfälische Handwerkerbund, die Dachorganisation des Handwerks in Nordrhein-Westfalen, bezifferte die Belastung der deutschen Wirtschaft in einer Hochrechnung auf 51 Milliarden. Und die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeber schließlich kam für 1980 nur auf bescheidene 34 Milliarden, wobei die Folgekosten allerdings nicht einbezogen sind.