Lebensnaher Unterricht darf nicht den Rezepten von gestern folgen

Von Marlies Palm

Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben und, so darf man philologisch und sachlich korrekt hinzufügen, im Leben. Auf ein Leben und ein Weiterlernen in der industriellen Massengesellschaft muß die Schule heute Kinder und Jugendliche vorbereiten. Unter diesem Druck hat sie viel von ihrem früheren Charakter als Pflanzstätte, als Naturschutzpark verloren. Gewonnen hat sie aber an Lebensnähe und Praxisbezogenheit – für junge Menschen allemal ein Anreiz zum Lernen. Die Anforderungen sind neu und hoch, sieht man sie einmal alle zusammen. Nicht allein Fachkenntnisse werden verlangt, sondern auch Flexibilität, Kooperationsvermögen, Abstraktionsfähigkeit als Vorbedingungen für das später immer wieder nötig werdende Weiterlernen unter ständig sich verändernden technischen und wirtschaftlichen Bedingungen.

Hinzu kommt eine andere, laufende Veränderung. Jedes Schulfach fußt ja auf mindestens einer, oft auf mehreren Wissenschaften; das gilt für Sport wie Französisch, für Erdkunde wie für Musik. Es wäre schlimm, wenn die Schulfächer unberührt blieben von den Wandlungen in Methoden und Erkenntnissen der Wissenschaft: Nicht nur würden wir unsere Kinder hinter dem Mond zurücklassen, wenn wir sie ohne zumindest einige Grundkenntnisse über neue wissenschaftliche Arbeitsmethoden, Denkansätze und Erkenntnisse entließen – wir würden ihnen auch ein späteres Weiterlernen unmöglich machen. Das wäre in der Tat der schwerste Vorwurf, den man der Schule heute machen könnte.

Moderne Ansätze

Nach der inzwischen nicht mehr so neuen "neuen Mathematik" ist nun in letzter Zeit der neusprachliche Unterricht, besonders das Fach Englisch, ins Schußfeld der Kritik geraten, weil sich zu viel geändert habe. Ein Beispiel ist der Artikel von Heinz Wittmann ("Vom Versagen einer Reform", DIE ZEIT Nr. 48). Englisch deshalb, weil es, zumeist als erste Fremdsprache, in den Stundentafeln einen breiten Raum einnimmt. Aber auch in den Englischunterricht müssen die eingangs genannten allgemeinen Anforderungen verstärkt einbezogen werden. Gerade für ihn gilt die Forderung, Weiterlernen zu ermöglichen, gerade bei ihm liegt auch wie bei wenigen anderen Fächern die Chance des direkten Lebensbezugs als Anreiz zum Lernen. Und die Fachwissenschaft leiht dem Lehrer hierzu eine hilfreiche Hand. Freilich ist der neue wissenschaftliche Ansatz zugleich der häufigste Grund für Klagen von Lehrern, die nicht auf diese Art des Weiterlernens vorbereitet worden sind.

Ein immer wieder gegen die Einführung von Englisch als erster Fremdsprache gehörter Einwand: Es sei, weil die an Formen ärmste unter den indogermanischen Sprachen, nicht geeignet, die Schüler auf den späteren Unterricht in Französisch oder Latein vorzubereiten. Natürlich sieht sich ein später mit diesen Sprachen beginnender Schüler vor Anforderungen gestellt, denen er bisher nicht begegnet ist. Auf der anderen Seite erleichtert die relative Formenarmut des Englischen den grammatisch nicht vorgebildeten Schülern den ersten Einstieg in eine Fremdsprache ganz erheblich.