ARD, Sonnabend, 25. 12., 20.15 Uhr! Sonntag, 26. 12., 22.15/Donnerstag 30. 12., 21.20 Uhr/Sonnabend, 1. 1, 22.05 Uhr/Donnerstag, 6. 1., 21.00 Uhr: „Mozart“ von Felicien Marceau, Beatrice Rubinstein, Marcel Bluwal

Wolfgang Amadé Mozart. Kein Jubi-VVläum, kein Gedenktag, kein „Anlaß“. Wieso ausgerechnet Mozart? Wieso nicht ausgerechnet Mozart?

Kein Porträt. Keine Künstler-Biographie. Kein Heldenepos. Kein schwärmerischer Mythos. Keine Poesie vom Wunderkind. Sondern die Geschichte von einem Menschen. Einem Menschen, der anders ist als wir alle. Der mehr – und doch weniger weiß. Undenkbar, daß diese fünfgeteilte Acht-Stunden-Geschichte hätte entstehen können ohne Wolfgang Hildesheimers Aufräumen mit dem Wunschdenken und den Mißdeutungen der Genie-Fetischisten. Undenkbar aber auch, daß er entstanden wäre ohne eine ungeteilte Liebe zum „Gegenstand“. Beides, Distanz wie Verehrung, mischt sich auf so respektable wie selbstsichere Weise. Und so ist der Film bewundernswert und anfechtbar zugleich – wie der Dargestellte selber.

Der Vorspann gibt bereits einen ersten Hinweis: Ein ernster, um Würde und Haltung bemühter Mann trägt ein Kind durch die Dunkelheit – Leopold Mozart, der Vizekapellmeister, der Musikbedienstete, der als Moral seines Lebens später definiert: „Man fügt sich“; der seinen Sohn durch die Welt karrt und dem die Frau dafür die Wahrheit ins Gesicht schleudert: „Alles nur für Deinen Ruhm“; der Respekt vor seiner Autorität verlangt – „Ohne mich bist du nichts“ – und nicht zu begreifen vermag, daß eine andere Generation in anderen Kategorien denkt. Das Kind wird durch die Dunkelheit getragen – und damit ist die zu Beginn jeder Folge wiederkehrende Szene schon fast zu symbolträchtig: Es hat, gewiß, an der Welt gelegen, daß dieser Künstler an ihr verzweifelte, an ihr und in ihr zerbrach, indem er sich für sie verausgabte. Aber es hat ja eben nicht nur an ihr gelegen.

Die Geschichte einer Karriere, natürlich – die Sensation, der Aufstieg, die Erfolge, die Hoffnungen, Erfüllungen, Höhepunkte. Den Gesetzen eines alten Ufa-Realismus folgend hat man weder an Kostümen noch Juwelen, an Perücken nicht noch an Rocaillen gespart, um das Wien und das Paris des ausgehenden Absolutismus zu rekonstruieren. Und das Angebot an schönen Puppen, die eben noch graziös mit dem Fächer wedelten und bald schon in schwärmerisches Entzücken ausbrechen, wie an galant-gestelzt ihnen den Hof. machenden Schranzen ist beachtlich. Von der Verwandlung im Gesicht des Leopold Mozart (Michel Bouquet), der die erste zu Papier gebrachte Sonate des Sechsjährigen entdeckt, bis hin zum Tremolo in der Stimme des Joseph Haydn (Peter Pasetti), der dem jungen Hitzkopf Altersweisheiten verkündet – „Manchmal muß man sich zur Ruhe zwingen, die Zeit anhalten, sonst läuft sie einem davon“ –, bevor er seinen Kollegen Salieri und Dittersdorf wie sich selber die Zweitrangigkeit gegenüber dem Talent Mozarts bescheinigt, werden Stationen im Leben eines Genies besucht.

Aber auch die Geschichte von Demütigungen und Intrigen, von Enttäuschungen und Mißverständnissen, Frustrationen und Zwängen. Schon der Achtjährige muß, gelangweilt im Vorzimmer mit seinem kleinen Zierdegen spielend, die Antichambre-Erfahrung als allgemeingültige Lebensregel eines Musikbediensteten verinnerlichen: „Es hilft nichts, wir müssen Geduld haben.“ Und selbst in seiner kreativsten Phase resigniert der knapp Dreißigjährige: „Ich führe eine Art Krieg – gegen wen oder was, weiß ich nicht.“

Der Künstler und seine Bedingungen in einer ihm letztlich fremden Welt – das ist das eigentliche Thema dieser Film-Folge. Der schöpferische Musiker in einer hierarchisch strukturierten Gesellschaft, in der die Laune und die Repräsentationspflichten eines Potentaten mehr über die Zufälligkeiten der Kunst-Produktion entscheiden als das Wissen oder Empfinden der Funktionäre, der Geheimen Kammerräte und Truchsessen; in der der Regent zwar mit großen Summen ein Musikleben subventioniert, aber das Wohlverhalten seiner Subalternen mindestens ebenso schwer wiegt wie ihr kompositorisches oder interpretatorisches Können; in der die Gesetze des Marktes manipuliert werden von außerkünstlerischen Kräften, Geschmack und Engagement mühelos zu ersetzen sind durch den rechtzeitigen direkten Zugang zu den Schaltstellen der Macht in den Palais und Residenzen. (Hat sich in den vergangenen zweihundert Jahren so viel verändert? Geschieht in Rathäusern und Kultusministerien weniger Arges?)