"Prag gehört zu den ganz autochthonen Städten, die nur von ihrem eigenen Geiste bewohnt und stark genug sind, sich allem öffnen zu dürfen, weil alles, was es auch sei, doch beim Eintritt gleich dem Ursinn des Orts unterliegt und, ob es will oder nicht, angepaßt wird, wie Venedig oder Toledo, die vernichtet, aber nicht verwandelt werden können und auch entstellt noch ihr Wesen bewahren: Sie gleichen alle Rom, es sind ewige Städte, Erscheinungen des Geistes, denen das wankende Gemüt so wenig anhaben kann als die wechselnde Zeit": Hermann Bahr war es, der 1917 für eine Anthologie des Prager Verlags Jüdische Selbstwehr" die Stadt an der Moldau so feierlich und zugleich doch auch so genau charakterisierte. "Unsagbar, fast wie ein Wunder ist der Eindruck, den Prag und seine Burg in ihrem Glanze hervorrufen", schwärmte ein Jahrhundert vor Bahr bereits Fouqué.

Daß diese geheimnisvollste aller geheimnisvollen Städte nicht nur ihre Besucher immer in Bann zu schlagen vermochte, sondern vor allem auch ihre Bewohner, das bezeugen die Zeilen eines Briefes, den Kafka 1902 an seinen Freund Pollak schrieb: "Prag läßt uns nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder –. An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen."

Neben dem "goldenen Prag" (das einem üblen Veit-Harlan-Film den Titel liefern mußte) existierte stets auch das finstere, das böse Prag, wobei das Geheimnis dieser Stadt wohl gerade darauf beruht, daß sich finsteres und goldenes Prag so wenig voneinander trennen lassen wie etwa das tschechische vom deutschen und dieses wiederum vom jüdischen Prag. "An jene letzten 100 Jahre, in welchen Tschechen, Juden und Deutsche an einem einzigartigen historischen Ort in Glück und Unglück mit- und gegeneinanderlebten", will der selbst aus Prag gebürtige und heute in den USA lebende Peter Demetz mit einer Sammlung von 19 Alt-Prager Geschichten erinnern, deren Autorenliste von Jan Neruda, dem 1891 verstorbenen Altmeister des tschechischen Realismus, bis zu dem erst vor zwei Jahren verstorbenen liebenswürdigen Feuilleton-Plauderer N. O. Scarpi reicht.

Die deutsch-jüdische Seite wirkt dabei mit Stifter, Rilke, Meyrink, Brod, Leppin, Kisch, Werfel, Urzidil, Salus und Scarpi gegenüber der tschechischen, zu der neben Neruda noch Karel Čapek, Svatopluk Cech, Hašek, Ignát Herrmann, Jaroslav Durych und Jakub Arbes zählen, vielleicht etwas überrepräsentiert (zumindest auf einen so in der Nähe des Kitschs angesiedelten Autor wie Hugo Salus hätte sich vielleicht zugunsten eines Vladislav Vancura oder gar eines Richard Weiner, den man einen tschechischen Kafka nennen könnte, verzichten lassen).

Doch von solchen Einwänden abgesehen, ragt diese Geschichtensammlung aus der Flut der Anthologien erfreulich heraus. Sie lockt den Leser in eine Stadt, die der Entzauberung der Welt am längsten widerstand, freilich auch um den Preis des Selbstbetrugs.

Noch als Prag längst ein Zentrum der k. u. K.-Maschinen- und-Textilindustrie war, erschien es den meisten seiner Autoren (vor allem den deutschen und jüdischen) "eher ein romantisches Paradies der Verworfenen und Sonderlinge zu sein, der Dachstubenpoeten, Bummler, Flaneure, problematischer Plebejer, mysteriöser Dirnen, populärer Verbrecher und barocker Hausgespenster" (Demetz). Diese Stadt begünstigte offenbar stets Rückwärts- und auch Untergangsträume.

Vielleicht findet sich in Kafkas Geschichte "Das Stadtwappen" eine Erklärung dafür; da heißt es: "Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen zerschmettert werden wird. Deshalb hat die Stadt auch die Faust im Wappen."

"Alt-Prager Geschichten", gesammelt von Peter Demetz, mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag; it 613, Insel Verlag, Frankfurt, 1982; 290 S., 10,– DM. Peter Hamm