Von Karin Kohl

Ich bin ein ganz normaler Bürger, weil ich das Abitur besitze. Mein Reifezeugnis gilbt in einem grauen Aktenordner dahin. Täglich stehe ich vor Kindern, die so ein Dokument wahrscheinlich nie besitzen werden. Beuge mich über Helmut, der den Schulfüller noch im 6. Schuljahr hält, als sei er ein Spazierstock, der aber genau weiß, wie ich den verhedderten Film aus dem Projektor herausbekommen kann. Erkläre im Englischunterricht Heike nimmermüde und doch vergebens den Unterschied zwischen Simple Present und Progressive, freue mich anschließend über ihr Geschick beim Zeichnen.

Wir haben in der Bundesrepublik schon längst kein dreigliedriges Schulsystem mehr. Seit Jahren schon existiert die Bildungszweiklassengesellschaft. Schulabgänger mit Abitur stehen denen ohne gegenüber.

Letztere fühlen, wie sie allmählich mehr und mehr ins Abseits driften: Parias, die von den vielen Zügen doch nun alle verpaßt haben.

Einst war der Abiturient eine Ausnahme. Er stellte das Produkt einer rigiden Leistungsauslese dar. Heute stellen die Abiturienten ein Viertel eines Altersjahrganges. Die Ausnahme scheint bald der Nichtabiturient zu sein. Horst, Ingo, Marita und Silke, die negativ Ausgelesenen, sie quälen sich durch die Schulzeit, der schon alle Beschwernisse der Hoffnungslosigkeit anzuhängen scheinen. Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg, sagt ein Sprichwort. Doch wer hat heute schon Erfolg? Die Abiturienten? Die Nichtabiturienten?

"Mein Kind geht jetzt zur Doofenschule!" klagt eine resignierte Mutter. Welch bittere Hypothek für eine Schulzeit, die mindestens weitere acht Jahre dauern wird: Hauptschule und Berufsschule – Sackgassen für den Lebensweg?

Wie Kommt es, daß der Staat einer Hälfte seiner Bürger etwas schenkt, während er die andere leer ausgehen läßt? Das Gymnasium mit seinem Bildungsabschluß hat längst nichts Elitäres mehr an sich. Weil mittlerweile viele Abiturienten im Anschluß an das Gymnasium eine Lehrstelle suchen, wird die Einrichtung des Fachs Arbeitslehre angestrebt, damit die praktische Schul- und Lebensausbildung nicht zu kurz kommt.