In Argentinien haben über 100 000 Menschen gegen das Militärregime protestiert. Die Demonstration am vergangenen Donnerstag in Buenos Aires forderte ein Menschenleben und zahlreiche Verletzte.

Zur Versammlung vor der Casa Rosada, dem Präsidentenpalais, hatte die Multipartidaria aufgerufen; ein Zusammenschluß der fünf größten Parteien. Die Gewerkschaften und zahlreiche kleinere Parteien hatten sich angeschlossen. Zum ersten Mal konnte die Menge Sprüche wie: "Stellt das Militär an die Wand", skandieren, ohne daß die Polizei eingriff.

Gegen Ende der Kundgebung kam es dann zu Gewalttätigkeiten. Jugendliche versuchten, die Casa Rosada zu stürmen. Die Polizei ging mit Tränengas und Schlagstöcken vor. Aus einem Auto, wie es die rechten "Ordnungs"-Banden benutzen, wurde auf einen 30jährigen Mann geschossen.

Für das Militär ist die Machtprobe nun früher gekommen als erhofft. Die beruhigende Wirkung der Versprechen, 1983 wählen zu lassen und sich 1984 in die Kasernen zurückzuziehen, ist erschöpft; die Parteien fühlen sich in ihren Forderungen bestärkt:

  • Keine durch Verfassung oder Gesetze garantierte Mitsprache des Militärs an der künftigen Zivilregierung. Aus Erfahrung klug geworden, will man nicht länger einen (Soldaten-)"Staat im Staate" dulden. • Aufklärung des "schmutzigen Krieges" nach dem Putsch im März 1976 und Verurteilung der für die "Verschwundenen" Verantwortlichen. Einige Politiker warnen freilich vor dieser Abrechnung, die Argentiniens Militärführung nicht dulden könne, weil fast die gesamte Führung des Mordes angeklagt werden müsse.
  • Bestrafung der Schuldigen, die aus Leichtsinn oder Selbstüberschätzung das Falkland-Desaster verschuldet haben.
  • Sofortige Änderung des liberalen Wirtschaftskurses, der dem hochverschuldeten Land wieder dreistellige Inflationszahlen und eine nie gekannte Arbeitslosigkeitbescherthabe.

Das Militärregime Bignone hat in der Tat abgewirtschaftet und sieht offenbar seine wichtigste Aufgabe darin, rechte Hitzköpfe von Putschgelüsten abzubringen und die Streitkräfte mit möglichst wenig Schaden für ihren Ruf aus der Politik herauszuführen. Eben dies wollen die meisten Parteien nicht hinnehmen, weil sie glauben, nie wieder diese Chance zu haben, das Militär ein für alle Mal als politischen Faktor auszuschalten.

Verhängnisvoll wirkt sich dieser mit Streiks und Demonstrationen ausgetragenen Kampf auf die Wirtschaft aus. Das fünfte Krisenjahr unter der Militärherrschaft endet mit einer Rekordzahl von Konkursen, einer dramatisch gesunkenen Produktion und rapide zunehmender Verarmung. -bi