Gespart wird, wo der Nachbar es nicht sieht

Von Hans-Jakob Ginsburg

Von der Adventsfeier erzählen sie jetzt noch gern. Schönes Essen – Eisbein mit reichlichen Beilagen, Getränke satt und anschließend ein bißchen Tanz für die Wagemutigen: Abwechslungen sind rar geworden für die Arbeitslosen von Herrenwyk. Die Lübecker Metallhüttenwerke, die zuletzt noch 1200 Beschäftigte hatten, sind 1981 in Konkurs gegangen. Jetzt entläßt der Konkursverwalter die letzten Arbeiter, schwer Vermittelbäre nach den Kriterien des Arbeitsamtes, Schwerarbeiter, die mit 45, mit 50 Jahren keinen neuen Anfang finden können. Um eine Pförtnerstelle bei der Standortverwaltung der Bundeswehr haben sich an die 200 beworben.

An den Fenstern des Kindergartens kleben bunte Weihnachtssterne. Nein, sagt die Erzieherin, nichts Auffälliges sei von den Kindern der Arbeitslosen zu berichten. Sie weiß auch gar nicht so genau, wer denn nun einen ohne Arbeit zum Vater hat. Eine Plakette im Eingang weist den Kindergarten als Stiftung der Hüttenwerke aus dem Aufbaujahr 1952 aus. In Eisenhütte, Kupferhütte und Kokerei arbeiteten in guten Zeiten 4000 Mann. Die guten Zeiten gingen zu Ende, als die Zinsen hochgingen und die Polen keinen Gußstahl mehr importierten.

Güldene Straße, Silberstraße, Kupferstraße – Herrenwyk verrät sich auf dem Stadtplan. Dicht gedrängt stehen an die 500 Siedlungshäuser, graue Einfamilienhäuschen mit Taubenschlägen unter dem Dach, die meisten schon lange leer. Gebaut wurden sie nach der Jahrhundertwende, um den mecklenburgischen Bauernsöhnen mit einem Stück Nutzgarten das Proletarierleben in der Stadt erträglicher zu machen und sie an die Hütte zu binden. Jetzt hat sie der Konkursverwalter für 15,5 Millionen Mark verkauft, um dringendste Schulden zu begleichen.

Der Sozialplan, der den Entlassenen Entschädigungen zwischen 8000 und 36 000 Mark verspricht, ist noch unerfüllt. Statt dessen müssen sie drauflegen. Früher bezahlte Otto S. 135 Mark für sein Haus, jetzt sind es monatlich 260 Mark. Früher bezog die Siedlung ihr Gas über das Werk und bekam Strom und Wasser kostenlos, jetzt bekommt Frau S. zum ersten Mal Rechnungen von den Stadtwerken. Ihr Mann ist schon bald ein Jahr arbeitslos. Nach zwölf Monaten schon gibt es anstatt 960 Mark Arbeitslosengeld Arbeitslosenhilfe; wieviel, richtet sich nach der Bedürftigkeit.

Bestrafte Sparsamkeit?