Die Symptome ähneln einer normalen Virusinfektion wie Windpocken oder Grippe: Fieber, Kopfschmerzen und Erbrechen. Statt aber nach wenigen Tagen wieder abzuklingen, kippt die Krankheit plötzlich um. Krämpfe treten auf, der Zuckerspiegel sinkt, Leber und Niere arbeiten immer fehlerhafter, der Patient wird entweder aggressiv oder gänzlich apathisch, um schließlich ins Koma zu sinken: Das Reye-Syndrom fordert ein neues Opfer.

Diese sehr seltene, aber lebensbedrohende Krankheit befällt überwiegend ..Kinder. In den Vereinigten Staaten registrieren Ärzte bis zu 1200 Erkrankungen pro Jahr. Wird das Reye-Syndrom nur einige Stunden zu spät erkannt, besteht akute Lebensgefahr. Etwa jedes vierte Kind stirbt, andere behalten Hirnschäden zurück.

Noch rätseln die Wissenschaftler, ob ein bestimmten Virustyp in Verbindung mit anderen, ebenso unbekannten Substanzen das Leiden verursacht. Mehrere amerikanische Studien untermauerten jedoch in den letzten Jahren die Vermutung, daß zwischen dem Ausbruch der Krankheit und der Einnahme von Acetylsalicylsäure ein Zusammenhang besteht. Damit fällt der Verdacht, das Reye-Syndrom zu verschlimmern oder sogar auszulösen, auf ein Uralt-Präparat: Aspirin, seit 1899 diesseits wie jenseits des Atlantiks eines der meistverwendeten Fieber- und Schmerzmittel.

Noch vor Beginn der winterlichen Grippesaison startete deshalb eine Gruppe nordamerikanischer Verbraucher- und Gesundheitsorganisationen eine Kampagne gegen Aspirin sowie alle anderen Arzneien, die den Wirkstoff Acetylsalicylsäure enthalten. Sie fordern eine eindringliche Warnung, Kindern bei Fieber und Schmerzen das in Verdacht geratene Medikament nicht mehr zu geben: Rote Aufkleber auf allen Arzneipackungen sollen die Eltern auf die Gefahren aufmerksam machen.

Die Pharmaindustrie bezweifelt allerdings die Stichhaltigkeit der Studien und verweigert jeden Hinweis auf den Beipackzetteln ihrer Medikamente: "Illegal und nicht durchführbar".

Zur genaueren wissenschaftlichen Klärung ordnete die amerikanische Gesundheitsbehörde kürzlich weitere Untersuchungen an. In der Bundesrepublik gibt es dagegen bislang noch keine einzige Studie über das Reye-Syndrom, obwohl auch hierzulande schon einzelne Fälle bekannt wurden.

Der bundesdeutsche Aspirin-Hersteller Bayer nimmt die Verdächtigungen gegen sein Präparat zwar ernst ("das ist ein heißes Eisen für uns"), beruhigte aber noch in diesem Sommer die Kinderärzte Deutschlands in einem Rundbrief. Ein "begründeter Verdacht", bekannte ein Bayer-Sprecher nun auf Anfrage der ZEIT, sei zwar gegeben, "eine eindeutige Kausalität" dagegen "könne nicht nachgewiesen werden". Auch Professor Gerhard Heymann von der Universitätskinderklinik Köln warnt vor einem "therapeutischen Nihilismus", falls es zu einer Aspirin-Warnung kommt: "In den USA herrschen ganz andere Verschreibungsmentalitäten. Da gibt es keine Mutter, die ihren erkälteten Kindern kein Aspirin gehen würde."

Liegt die Gefahr des Reye-Syndroms also allein in der Einnahmemenge "Arzneimittel unzugänglich für Kinder aufbewahren" mahnt die Gebrauchsanweisung der deutschen Aspirin-Packung. Von Eltern und vom Reye-Syndrom ist dort nicht die Rede. Ob eine Warnung nötig ist, will das Bundesgesundheitsamt (BGA) in einer Sondersitzung im nächsten Frühjahr ergründen. Dann erst werden sich Sachverständige über die möglichen Gefahren der rund 300 Acetylsalicyl-Präparate äußern. Die Pharma-Unternehmen – nicht nur Bayer – sollen angehört werden. Vorsorglich warnen will das BGA nicht. Bernd Müllender