Von Heinrich Albertz

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war."

So beginnt in der Übersetzung Martin Luthers die Geschichte von der Geburt Jesu Christi, wie sie Lukas erzählt, indem er das Unbeschreibliche zu beschreiben versucht. Wir Alten haben diesen Text noch auswendig lernen müssen. Heute wird er am Heiligen Abend wenigstens in den Kirchen gelesen. Aber wohl kaum einer macht sich darüber große Gedanken, daß dieser Bericht mit seinen vertrauten Gestalten – Maria und Josef, den Engeln und den Hirten – mit den Namen eines römischen Kaisers und eines seiner Besatzungsbeamten beginnt. Und mit einer Verordnung für eine Volkszählung zu dem Zweck, die immer drückender werdenden Steuern leichter einziehen zu können, also mit höchst weltlichen Geschäften.

Jesus, der Sohn der Maria, kommt also nicht in irgendeine Traumwelt, so märchenhaft uns aufgeklärten Zeitgenossen die Geschichte im ganzen erscheinen mag. Sondern er wird in unsere Wirklichkeit hineingeboren. Die Namen von Augustus und Cyrenius weisen unüberhörbar darauf hin: Seine Geschichte beginnt und endet in unserer Geschichte – der römische Besatzungsbeamte wird dann Pilatus heißen so wie auch Weihnachten 1982 in unserer Geschichte gefeiert werden wird. Dieses Jahres wie aller vergangenen, an die wir uns erinnern können (der hier schreibt bis 1918 zurück), der Schicksalsjahre unseres Volkes: 1933, 1945, 1961 in Berlin. Und die persönliche Geschichte, das letzte Mal mit der Mutter, das erste Mal mit der Frau und dem ersten Kind, das letzte Mal in Schlesien, das erste Mal mit den Enkeln – jeder hat seine Daten und sollte sie nicht vergessen. In diese Daten gehört das Datum Jesu hinein, was immer es für den einzelnen bedeuten mag: eine rührselige Legende oder der Beginn eines neuen Lebens.

Ich erinnere mich noch zweier Gottesdienste am Heiligen Abend. Einmal, 1974, erschienen plötzlich ein paar junge Leute und entrollten ein Spruchband für bessere Haftbedingungen der ersten Terroristen-Generation. Vom Fernsehen übertragen, hatten sie eine bundesweite Wirkung. Es war eine eindeutige "Störung des Gottesdienstes", und die Polizei versuchte vergeblich, die Übeltäter zu ermitteln.

Das zweite Mal hatte ich selbst zugestimmt, daß Hausbesetzer aus Berlin-Kreuzberg kurz ihre Situation zu Weihnachten schilderten, was mir einen wütenden Widerspruch eines Gemeindemitgliedes eintrug: Diese Leute hätten im gutbürgerlichen Schlachtensee nichts zu suchen – und waren doch zum großen Teil unsere eigenen Kinder. Heute liegt schon vorsorglich ein anonymer Brief an meine Frau auf meinem Schreibtisch: "Hoffentlich haben Sie Einfluß auf Ihren Mann, damit er am Heiligen Abend predigt und nicht schwätzt von Hausbesetzern, Chaoten und Rattay."

Nun, hier in der ZEIT soll ich ja nicht predigen, hier darf ich nur fragen, ob wir im vergangenen Jahr näher an die Botschaft der Engel vom Frieden und vom Wohlgefallen der Menschen geraten sind oder noch weiter weg von ihr. Wie unser Augustus und unser Cyrenius aussieht, und in welche Welt das Kind der Maria hineinkäme, würde es heute geboren. Diese Zeitung hat ein Jahr lang darüber berichtet; so unterschiedlich ihre Einschätzungen im einzelnen waren, zur Fröhlichkeit besteht kein Anlaß. Gerade vor der Folie der heilen Welt, die uns jeden Tag aus Bonn beschworen wird, sind die tiefen Einbrüche in Vernunft und Hoffnung der Menschen nur noch fühlbarer geworden.