Wie das nächste Kapitel in der verworrenen Geschichte der MX-Raketen aussehen wird, weiß niemand mehr. Selbst die eine Milliarde Dollar zur Produktion der ersten fünf Exemplare, die die führenden Republikaner im Senat dem Präsidenten erhalten wollten, weil daran angeblich die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Position bei den Start-Verhandlungen hänge, dieser Betrag fiel buchstäblich über Nacht unter der Axt des Vermittlungsausschusses, mit der ein Kompromiß zwischen beiden Häusern des Kongresses gezimmert wurde.

Das Repräsentantenhaus hatte den Vorschlag Reagans, 100 MX-Raketen auf engem Raum im „dichten Bündel“ (dense pack) aufzustellen, mit großer Mehrheit verworfen. Daraufhin stellten die republikanischen Wortführer im Senat eine Milliarde Dollar Produktionsmittel in Aussicht für den Fall, daß beide Häuser des Kongresses im Frühjahr einem neuen Vorschlag des Präsidenten zustimmen würden. Reagan ging eigens vor die Presse, um das rettende Angebot aufzugreifen. Aber es erwies sich als Strohhalm.

Dense pack ist tot, der Raketen-Acker wird nicht bestellt. Die MX muß wieder aufs Reißbrett. 4,5 Milliarden Dollar hat das seit Anfang der siebziger Jahre geplante und diskutierte Waffensystem bisher gekostet. Neben der umstrittenen Notwendigkeit, die landgestützten Interkontinentalraketen der USA zu modernisieren, ist auch diese bisherige Investition einer der Gründe, weshalb die MX-Rakete selbst noch nicht beerdigt wird. 2,5 Milliarden für weitere Forschung und Entwicklung sind im neuen Haushalt vorgesehen und vom Vermittlungsausschuß auch nicht angetastet worden. Aber was komm nun? An die dreißig Aufstellungsvarianten wurden schon erdacht und wieder verworfen: ganz tief unter der Erde, in den Bergen, in 4600 Meter tiefen Löchern der Wüsten von Utah und Nevada, in langsamen Großflugzeugen, auf U-Booten in Küstennähe und im „dichten Bündel“.

Einige Regierungsexperten schwören noch immer auf dense pack als optimale Lösung. Reagan selbst sieht sie als Form „mit den wenigsten Warzen“ an, die Führung der Marine und des Heeres aber war dagegen und der Kongreß war nicht zu überzeugen. „Wir haben uns zuwenig Zeit genommen“, klagen selbstkritisch einige Berater des Präsidenten. Es scheint indessen, als würde sich trotz solcher Stimmen die Einsicht Bahn brechen, daß mit dense pack der letzte Versuch gescheitert ist, die landgestützte Komponente der „Triade“ tatsächlich gegen einen Angriff unverwundbar zu machen.

Ulrich Schiller (Washington)