ARD, Donnerstag, 16. Dezember: Der Film von Ann Schäfer lief nicht

Ja, das ist schon ein Erlebnis besonderer Art: Zum erstenmal nach zwanzigjähriger Tätigkeit darf der Kritiker eine Sendung besprechen, die er nicht gesehen hat, darf sich Gedanken über das Porträt eines Juristen namens Wolfgang Schuchardt machen, das, anders als in den Programmzeitschriften gedruckt, in letzter Stunde als nicht darbietensfähig etikettiert wurde. Also ist Schuchardt gestorben? Keineswegs, man darf ihn, wie ich mich vergewissert habe, als quietschlebendig bezeichnen. Dann hat er vielleicht etwas verbrochen, wurde auf frischer Tat ertappt? Nein, auch das ist nicht der Fall; der Beamte im Hamburger Strafvollzug steht nach wie vor auf der richtigen Seite, der von Recht und Gesetzestreue.

Also verwickelt in Durchstechereien, von Gerüchten umgeben, Mittelpunkt dubioser Geschichten? Alles Aberwitz, von Flick keine Spur, unabgerechnete Gelder gingen nicht über Tresen und Schreibtisch. Ja, was um Himmels willen dann? Ganz einfach. Der Mann ist verheiratet, hat eine Frau namens Helga, und diese Helga ist, wie man weiß, aus der FDP ausgetreten und wirbt hier und jetzt für die Sozialdemokraten.

Immer noch nicht verstanden? Gut, dann also ganz langsam und zum Mitschreiben: Wolfgang Schuchardt ist nach Ansicht hochgestellter Kreise in Hamburg, konservativer Kreise, offensichtlich über Nacht zur Schlüsselfigur im hanseatischen Wahlkampf avanciert. Tritt er auf, bekennt am Ende nicht nur Farbe, sondern sich auch zu seiner Frau, wirkt er, womit zu rechnen ist, sympathisch und die Dame an seiner Seite nicht minder, gewinnt die Sendereihe "Die Frau an seiner Seite" also durch die letzte und schließende Folge "Der Mann an ihrer Seite" eine jedermann überzeugende Pointe und muß damit (der Schreiber holt Luft: die Kopfe quenzen sind atemberaubend) Herr Jedermann vor dem Bildschirm zu der Ansicht kommen – und Frau Jedermann erst recht daß Leute, die von der FDP zur SPD gegangen sind, offenbar so vertrauenerweckend und charmant und überzeugend wie die Schuchardts sind, mitsamt ihrer munteren Rollenvertauschung – ja, dann muß der Herr Räuker vom Norddeutschen Rundfunk doch einschreiten, dann hat seine Partei, die CDU, ja wirklich keine Chance in Hamburg, dann müßte die Wahl am Ende angefochten werden, beim Bundesverfassungsgericht.

Kurzum, das war schon ganz richtig, was die Christdemokraten da taten, als sie Wolfgang Schuchardt zur wahlentscheidenden Figur von Hamburg erklärten und ihn den Blicken der Bürger entzogen – nicht der mündigen natürlich, die gibt es ja gar nicht, sondern der Bürger halt, wie die CDU sie so sieht.

Nun aber nicht auf halber Strecke stehen geblieben, Freunde! Denkt an die Sendung zu Heinrich Sollt 65. Geburtstag – eine politische Sendung! Seid ihr des Teufels? Der Mann ist ein Linker, ein Sympathisant vielleicht sogar, und der 6. März ist nicht mehr weit. Das kostet euch Stimmen, Leute, da solltet ihr nicht zimperlich sein, schließlich ist Böll auch im Frühling noch fünfundsechzig.

Lex Schuchardt – eine schöne Sache wär’ das, und so recht nach dem Herzen jener aufrechten Männer, die, aus Metternichs Zeiten in unser Jahrhundert verschlagen, so gern wieder Karlsbader Beschlüsse einführen möchten.

Pardon, Hamburger Beschlüsse wollte ich sagen. Momos