Ruprecht Eser (ZDF): "Gräben zuschütten", "Freizügigkeit", das waren die Hoffnungen am 21. Dezember 1972. Wo stehen wir? Was haben wir erreicht? Schritte oder Rückschritte? Frage nach der persönlichen Bilanz dieses Vertrages an Egon Bahr, der damals für die Bundesrepublik die Verhandlungen geführt hat: Was ist für Sie das Ergebnis, das, was geblieben ist?

Egon Bahr: Zunächst einmal: Ich habe auch im Rückblick auf die letzten zehn Jahre nichts, wo ich sagen würde, wir haben einen Fehler gemacht oder wir haben irgend etwas Wichtiges vergessen.

Zweitens: Ich glaube, daß der Vertrag sich bewährt hat, gerade in einer schwierigen Zeit, weil er auch in einer Abkühlung des Ost-West-Verhältnisses, insbesondere zwischen Washington und Moskau, die beiden deutschen Staaten in einer Situation zeigt, in der sie im Prinzip kooperativ bleiben wollen.

Und drittens: Ich sehe die Möglichkeit, die bisher zuwenig genutzt wurde, daß die beiden deutschen Staaten sich künftig mehr als bisher um die gemeinsamen Interessen, die sie haben, zur Sicherheit in Europa kümmern; was im Rahmen des Grundlagenvertrages vorgesehen war, aber bisher kaum genutzt wurde.

Theo Sommer (ZEIT): Schritte oder Rückschritte, Richard von Weizsäcker, seit Frühjahr 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin?

Richard von Weizsäcker: Dieser Vertrag ist – wie andere vergleichbare Verträge – im Stadium seiner Aushandlung und Unterzeichnung heftig umstritten gewesen. Wenn ein Vertrag aber rechtswirksam geworden ist, dann wird er Bestandteil der Politik. Das ist dieser Vertrag auch geworden.

Die letzten zehn Jahre wären ohne ihn nicht denkbar. Aus meiner Sicht hat er Fortschritte und Rückschritte gebracht. Wenn wir aber die Realität und die Aufgabe der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten uns von heute her klarmachen wollen, kommen wir bei weitem nicht damit aus, über den Grundlagenvertrag zu sprechen.