Hervorragend

Joni Mitchell: "Wild Things Run Fast". Sie wollte eigentlich gar keine Platten mehr aufnehmen. Warum dann doch, erklärt Joni Mitchell gleich in den ersten Versen des ersten Liedes, wenn sie singt: "Caught in the middlelCarol, we’re middle class/We’re middle agedl We were wild in the old days/Birth of rock ’n’ roll days." Es ist nach fast vier Jahren das 13. Album der Sängerin, die sich mit vierzig zu ihrem "Mittelalter" bekennt und aus ihrer autobiographisch geprägten Suche nach der verlorenen Rock ’n’ Roll-Zeit einen Liederzyklus destillierte: über Rückschläge und Enttäuschungen, die man als Liebender erlebt oder anderen zufügt, über Zeiten der Illusion, der Resignation und über die Liebe mit all ihren allzumenschlichen Zwiespältigkeiten. "Love never looks for love" heißt es im letzten Lied der Platte – eine Erkenntnis, die sie, wie den ganzen Songtext, aus dem 13. Kapitel des ersten Briefes übernahm, den Paulus an die Gemeinde in Korinth schrieb. Je länger man sich in das neue Album einhört, um so mehr wächst es. (Geffen Records GEF 25 102) Franz Schöler

Hörenswert

David Qualey: "Awhile Ago". Obwohl alle Lieder und Stücke von heute sind, hat diese Schallplatte einen barocken Zug. Nicht, daß der Gitarrist sich in antiquarischen Techniken erginge; sondern, weil er an alte musikalische Praktiken erinnert: Er adaptiert Stücke, indem er sie sich neu und sehr persönlich an verwandelt, sie also musikalisch neu kleidet und ausschmückt. Man findet darunter Paul Simons "Scarborough Fair" und Gilbert O’Sullivans "Alone Again", Luis Bonfas "Orfeo Negro" und Kris Kristoffersons "Me and Bobby McGhee". Da alle diese Stücke durch unendliche Wiederholungen in ihren originalen Versionen berühmt sind, wirken manche von ihnen zuerst fremd; doch man freundet sich überraschend schnell mit den neuen Interpretationen an – weil Qualey ein sehr guter, aber auch ein relativ stiller Gitarrist ist, der sanft zu Werke geht und mit einer sehr bemerkenswerten musikalischen Phantasie. (Teldec 6.25142 AO) Manfred Sack

Agostino Steffani: "Duetti da camera". Oper am Ende des 17. Jahrhunderts – das konnte auch in Deutschland nur etwas "Welsches" sein, italienischer Stil. Daß ausgerechnet ein Italiener an deutschen Fürstenhöfen die Kunst des komplizierten Kontrapunkts pflegen werde, war nicht zu erwarten. Um so auffälliger diese werde, die der für München, Hannover und Düsseldorf tätige Steffani schrieb – Vokalpartien mit Generalbaß im Stil einer Trio-Sonate, kunstvoll ineinander verflochtene Linien über sowohl lyrische wie dramatische Texte. Das Gewebe wieder zu entflechten, die Stimmen einzeln wieder hörbar zu machen durch ausgeprägte Charaktere und sie dennoch auch zu verschmelzen zu einem historisch-kritisch orientierten Klang mit sich reibenden Harmonien, gelingt Carolyn Watkinson, Paul reibenden und John Elwes wie Daniela Mazzucato mit dem Continuo von Alan Curtis und Wouter Möller auf eine faszinierende, nahezu spannende und aufregende Weise. (DG Archiv 2534 008) Heinz Josef Herbort