Eine Frau posiert auf einer Veranda für ein Photo. Dabei entsteht ein Bild, wie es viele gibt in Familienalben. Gleich danach knipst der Photograph noch einmal. Die Frau taumelt jetzt. Auf dem dritten Bild liegt sie schon wie tot in ihrem Liegestuhl. Später hat sie sich auf ihrer Veranda wirklich erschossen: Herbert Achternbuschs Mutter.

Achternbuschs neues Buch „Revolten“, das auch das Drehbuch zu seinem neuen Film „Der Depp“ enthält, endet mit alten Familienphotos. Die Selbstmordposen seiner Mutter hielt ihr Photograph für eine Posse. Der junge Herbert, noch kaum zehn Jahre alt, sitzt auf einem anderen Familienbild starr in einer Wiese, den Blick wie ein düsterer Prophet zu Boden gerichtet. Heute hat er dieses Bild auf jenen Selbstmord bezogen: „Ich muß es... gewußt haben, sonst hätte mich nie so eine Düsternis überschüttet.“

Mit Achternbuschs Filmen ist es bisher vielen wie jenem Photographen mit der Frau auf der Veranda ergangen, Wie ernst Achternbusch seine Possen schon immer waren, wollten nur wenige wissen. Nach seinem Meisterwerk „Das letzte Loch“ und dem „Depp“ erscheinen im nachhinein auch seine frühen Filme ernster, düsterer. Am be- – sten, seine Kritiker schrieben über jeden einzelnen noch einmal neu.

„Bierkampf“, ein früher Achternbusch-Film, der vor Jahren auf dem Münchner Oktoberfest spielt, endete mit einem Schwenk über die Statue der Bavaria hinweg in den bayerischen Nachthimmel. Während unten beim Fest ein Lied gesungen wird: „Nach der Heimat möcht’ ich eilen/In der Heimat möcht’ ich sein“, verfolgt die Kamera Luftballons auf ihrem Flug vom Festplatz hinauf in die Finsternis. Am Ende des Drehbuchs schreibt Achternbusch: „Ein Ballon nach dem anderen zieht in die Dunkelheit. So hört es auf.“ Wohin wir gehen, woher wir kommen, wo unsere Heimat ist, dorthin flogen die Ballons. Der Bierkampf, eine andere Metapher für den Lebenskampf, endete mit einer schwermütigen Prophezeiung.

Im neuen Film sind vom Bierkampf nur noch die Verwundeten übrig. Hochnebel machen die bayerische Landschaft grau. Hinter den sanften Hügeln des Voralpenlandes fallen Schüsse. Vom dunklen Ufer des Starnberger Sees dringt ein brummender Klageton ins Land. Unten am Wasser sitzt der Depp wie damals das düstere Kind in der Wiese. Auf sein Sprachzentrum drückt ein Maßkrug. Der Depp: ein Schwerverwundeter des Bierkampfs.

Über dem „Bierkampf“ thronte königlich die Bavaria, von der man weiß, daß sie innen hohl ist. Den „Depp“ verzaubert die Königin der Könige, Kleopatra, Tochter des Ptolemäos, bürgerlich: Annamirl Bierbichler. Einunddreißig vor Christus starb die Königin durch Selbstmord. Doch stärker als der Tod ist der Film. Ein Geräusch wie das Klopfen von Steinen, ein Zoom, schon ist sie da: Königin Annamirl, Hoffnung der Verwundeten.

Jörg Schmidt-Reitweins Kamera steht und starrt. Sie starrt auf einen Deppen, der sich unter der Dachschräge seines Ateliers hinter seinen Staffeleien verkriecht. Auf dem finsteren Dachboden laufen im Fernseher alte Achternbusch-Filme, schwarzweiß. Erstarrt vor innerer Bewegung zeigt die Kamera, woher die Filme kommen: nicht nur aus Bayern, auch aus der Finsternis. Statt „Bierkampf gibt es ein neues Zauberwort: „Atemnot“, Todesahnung der Verwundeten.