Dreimal werden wir noch wach, summt Rolf Rüttger am 21. Dezember, wobei er aus Dritte-Welt-Bienenwachs sorgfältig eine Kerze rollt, dreimal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag.

Während Rolf mir ein Papiertaschentuch-Futteral webt, häkele ich ihm eine Folklore-Krawatte mit Norwegermuster, sagt Helene Rüttger, die seit dem ersten Advent, aus rein steuerlichen Gründen, so Helene Rüttger, mit Rolf Rüttger verheiratet ist.

Während ich vor einigen Jahren noch Unsummen, sagt auch Rolf Rüttger, für Weihnachtsgeschenke ausgegeben habe, verschenke ich heute nur noch Selbstgebasteltes. Bereits im Oktober kaufen wir Bast, Wolle, Holz und Ton, sagt Helene Rüttger materialbewußt. Auf diese Idee sind wir durch Werner gekommen, fügt Rolf Rüttger hinzu, denn Werner hatte Helene zum Einzug in die Wohngemeinschaft vor drei Jahren ganz einfach einen bemalten Kleiderbügel geschenkt, und Helene hatte daraufhin gesagt: Ein bemalter Kleiderbügel ist mir tausendmal lieber als so ein bürgerlicher Konsumgegenstand in seiner unpersönlichen Beliebigkeit.

Damit hatte Helene den Nagel auf den Kopf getroffen, sagt nun auch Werner, der eben in den Gemeinschaftsraum gekommen ist. Etwas mehr Menschlichkeit, so Helene und Rolf Rüttger wie aus einem Mund, etwas mehr Menschlichkeit in der Computerwelt, gerade zum Weihnachtsfest.

Zuerst, sagt Werner, wird "der Kleine Prinz" gelesen, dann wird das Selbstgebastelte ausgetauscht, um Mitternacht aber, und das ist der Höhepunkt, sagt Werner, wird der Weihnachtsbaum, als antifaschistisches Fanal gewissermaßen und Höhepunkt des Wohngemeinschaft-Weihnachtsfestes seit vier Jahren, um Mitternacht wird der Weihnachtsbaum auf dem Balkon verbrannt, so Werner wörtlich, mit einem breiten Grinsen im Vollbart.

Auch Rolf und Helene strahlen, und zusammen mit Werner summen sie, dreimal werden wir noch wach, dann schieben sie das gemeinsam aus Ton geknetete Zimbabwe-Relief in den Ofen.

Thomas Meinecke