Tradition wurde begründet – das Wissenschaftskolleg zu Berlin nach einem Jahr

Von Peter Wapnewski

Der Anfang

Der Spätherbst in Berlin hat gewöhnlich noch einige schöne Tage.“ Diese Feststellung des ostpreußischen Berliners E. T. A. Hoffmann leitete angemessen die Feierstunde ein, mit der am 6. November 1981 die Arbeit des Wissenschaftskollegs zu Berlin offiziell begann. Um die ersten achtzehn Fellows waren die Freunde und Patrone des Hauses versammelt, unter ihnen der Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker und der Senator für Wissenschaft und Kunst Wilhelm A. Kewenig; aus Bonn war der Bundesminister für Forschung und Technologie Andreas von Bülow gekommen. Eine Feierstunde von spröder Festlichkeit: Eine Haltung, die zu den bewahrenswerten Erbzügen des Preußischen gehört. Dergleichen zeichnet wohl auch im Alltag und Alltäglichen nicht unwesentlich das Profil des Hauses.

Das eigentliche Ereignis aber war die Festrede des großen alten Mannes Gershom Scholem. Weisheit und Wissen, Gelehrsamkeit und Witz waren darin, und ein Rest von dem raunenden Geheimnis, das sich aller Aufschlüsselung verweigert, weil es angesiedelt ist in dem Bereich, der höher ist denn alle Vernunft. Der Redner wurde in der Folgezeit ungewollt aber merklich zum Zentrum der ersten Fellow-Crew, die mehr verlor als nur einen großen Kollegen, als er nach den Weihnachtsferien 1981/82 nicht wieder zurückkehrte.

Das Allgemeine

Die Zeiten, sie sind nicht so, daß in unseren hohen Schulen ein gelehrter und kreativer Kopf sich in Konzentration und Kontinuität seiner forscherischen Aufgabe hingeben kann. Und: Die Zeiten, sie sind nicht so, daß „die Gesellschaft“ gleich welchen Landes und welcher Kultur es sich leisten könnte, auf den Ertrag der kreativen Arbeit des gelehrten Kopfes zu verzichten.