/ Von Hans Jakob Ginsburg

Politisch interessiert? Frühaufsteher im Norden und Westen der Bundesrepublik, die Popmusik nicht mögen, müssen Karola Sommerey dankbar sein. Die Sendung "Politik am Morgen" nämlich, im gemeinsamen ersten Radioprogramm von NDR und WDR, war das Lieblingskind der Rundfunkjournalistin, als sie noch in der Kommentar-Redaktion des Kölner Senders arbeitete: eine Viertelstunde – wenigstens eine Viertelstunde – politische Hintergrundberichte und Meinungsäußerungen morgens kurz nach sieben Uhr, ohne Musik zwischen den Beiträgen und ohne das unverbindliche Plaudern eines Moderators.

Jetzt wird Karola Sommerey die Chefin von Rundfunkplauderern. Am 1. Januar 1983 übernimmt sie das Amt des Hörfunkdirektors von Radio Bremen. Nach der für die ARD ungewöhnlichen Organisationsstruktur des Bremer Senders ist sie dann auch Mitglied seines fünfköpfigen Direktoriums. Höher auf der Karriereskala ist bislang keine Frau im bundesdeutschen Radio oder Fernsehen gestiegen.

Personalentscheidungen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind politische Entscheidungen. Wählt ein Rundfunkrat einen auch objektiv qualifizierten Bewerber, scheint das manchmal überraschender zu sein als ein Bericht über neue kuriose Ergebnisse des schwarz-roten Proporz- und Protektionsrouletts. Nun hatten die Bremer Rundfunkräte in diesem Herbst die Wahl zwischen 16 Bewerbern um die Nachfolge des jetzt pensionierten Hörfunkdirektors Gerhard Schäfer, der vor allem im Schulfunk seine Meriten gesammelt hatte. Unter den Bewerbern, die in die engere Wahl kamen, waren außer Karola Sommerey noch Ferdinand Ranft, Chefredakteur der Merian-Hefte und Hendrik Schmidt, Redakteur des Rundfunk-Informationsdienstes der Evangelischen Kirche.

Die Wahl war für die parteilich verfilzten Strukturen der ARD typisch. Die Mehrheit im Wahlgremium hielt zwar Ferdinand Ranft für den qualifiziertesten Bewerber, aber das ging nun mal nicht: Von SPD-Rundfunkräten wurde Ranft hilfsweise als "Schöngeist" diffamiert. Er werde, so hieß es, sich dem rauhen Geschäft nicht anpassen können. Ferdinand Ranft war, bevor er zu Merian ging, jahrelang Chef des Reiseressorts der ZEIT, heute-Moderator im ZDF, arbeitete im Jugendfunk und war Verlagsdirektor bei Piper. Aber ein Handikap hat er; Er gehört keiner Partei und keiner Gewerkschaft an. Diesen Vorteil nun hat Karola Sommerey. Sie schlug auch ihren zu theoretischen Genossen Hendrik Schmidt und siegte im dritten Wahlgang über Ranft.

Kein Zweifel, sie hinterließ auch bei jenen Rundfunkräten einen guten Eindruck, die nicht ihrer Couleur sind: Sie überzeugte durch ihre vitale und zupackende Art. Hinzu kam: Sie ist jünger als der über 50 Jahre alte Ferdinand Ranft, und sie ist eine Frau. Aber – und das hat wohl in dem Sender, wo SPD und ein mächtiger Personalrat herrschen, den Ausschlag gegeben: Karola Sommerey ist eine engagierte Gewerkschafterin, deren Herz für die Basis schlägt. Daß sie bei ihrer journalistischen Arbeit gelegentlich Scheuklappen trägt, wie einige Ihrer alten Kollegen meinen, spielt da keine Rolle.