Die Wettbewerbshüter decken den größten Bauskandal der Bundesrepublik auf

Egon Hoffmann ging mit Sammlerleidenschaft ans Werk. Was immer ihm an Geschäftsvorgängen bei der Münchner Baufirma Kunz wichtig erschien, das hielt er in Notizen fest Firmenpapiere von Belang kopierte der Kalkulator und heftete sie, Blatt für Blatt, in Aktenordnern ab.

Die zwölf Leitz-Ordner, die der penible Sachbearbeiter so in zehn Jahren füllte, haben es in sich. Sie dokumentieren das wohl umfassendste Preiskartell, das je in der Bundesrepublik bekanntgeworden ist.

Jahrelang, so lassen die Papiere schließen, sind Behörde und private Bauherren von der Bauindustrie im großen Stil übers Ohr gehauen worden. Die Firmen machten auf Ausschreibungen abgesprochene – und viel zu hohe – Angebote. Verdächtigt werden unter anderem Firmen wie Philipp Holzmann, Hochtief, Strabag, Dyckerhoff & Widmann, Züblin, Wayß & Freytag, Thosti sowie eine Reihe kleinerer Unternehmen. Geahnt haben es die Kartellbehörden schon lange. Jetzt, so sagen sie, können sie es auch beweisen – vor allem dank Hoffmanns Dokumenten.

Drei Jahre lang ließen die Wettbewerbshüter sich Zeit und erweiterten durch eigene Recherchen, was die brisanten bayrischen Papiere belegten. So rückten vor Jahresfrist bundesweit bei achtzig Baufirmen die Fahnder der Kartellämter mit Kripounterstützung an und beschlagnahmten weitere belastende Papiere. Jetzt, zwei Wochen vor Weihnachten, schlug das Kartellamt in Berlin endgültig zu: Rund einem Dutzend deutscher Baufirmen brachte der Postbote Schreiben ins Haus, in denen die Wettbewerbshüter ihre Schuldvorwürfe formulieren. Binnen sechs Wochen müssen die Unternehmen – von den größten der Branche fehlt keines darunter – Stellung nehmen. Eine zweite Welle von blauen Briefen liegt in Berlin schon bereit für die Frankiermaschine.

Parallel zum Bundeskartellamt gehen die Wettbewerbsbehörden der Länder vor. Sie verfolgen die Fälle, die Berlin wegen fehlender bundesweiter Bedeutung nicht an sich ziehen kann. Allein das Landeskartellamt in Hessen – dort liegt neben Bayern der zweite Schwerpunkt des Skandals – hat in 117 Fällen von Ausschreibungen für Hoch- und Tiefbauten Beweise, daß Bauunternehmen und Manager gegen das Kartellgesetz gehandelt haben. Die betreffenden Bauobjekte, zwischen 1977 und 1981 ausgeschrieben, hatten einen Auftragswert von eineinhalb Milliarden Mark.

Zu den hessischen Bauten, bei deren Preisfestsetzung zu Lasten der Staatskassen geschummelt worden sein soll, gehört die Startbahn West am Frankfurter Flughafen ebenso wie das neue Ausbildungszentrum der Deutschen Bundesbank in dem Westerwald-Ort Hachenburg. Bei etlichen Baulosen der U- und S-Bahn in Frankfurt sollen die Spitzenfirmen der deutschen Bauwirtschaft sich durch abgekartete Gebote Millionen zugeschanzt haben.