Nentershausen

Alle großen Dinge fanden klein an und vollziehen sich zumeist unspektakulär und abseits des Weltgeschehens. Das war in Bethlehem und Nazareth so. Das war so in Eisleben und Wittenberg, und das war in Rhön- und Bergedorf so. Manche meinen, auch Oggersheim habe Großes hervorgebracht, aber dieses Urteil scheint verfrüht, schreiben doch die Gazetten bisher nur von einer gewissen Länge statt von Größe.

Von Nentershausen schreiben sie gar nichts. Also muß dort der Fortschritt der Weltgeschichte wohnen. Nentershausen liegt nordöstlich von Bad Hersfeld, nicht weit weg von jenem berühmten Hattenbacher Dreieck, an dem unsere amerikanischen Waffenbrüder die Russen mit einem Atomschlag zum Stehen bringen, unsere Freiheit verteidigen und das Ende dieses unseres Landes einläuten wollen.

Dort, so meldete der Hessische Rundfunk, ist die Kasse der 3500-Einwohner-Gemeinde so leer wie überall, ja eigentlich noch leerer, denn es reicht nicht einmal mehr für die Pflege und Unterhaltung der öffentlichen Grünflächen. Statt nun aber das Problem, wie überall, durch Drehen an der Gebührenschraube und ein bißchen Streichen im Sozialetat zu lösen, kamen die Bürger und Politiker von Nentershausen – und dann liegt der Fortschritt – auf eine andere Idee: Den Platz um das Gemeinschaftshaus pflegt jetzt der Gesangverein. Um den Friedhof kümmert sich die Feuerwehr und um die Sportanlagen der TV Germania. 60 Prozent der öffentlichen Grünflächen haben auf diese Art Paten bekommen, die der Gemeinde durch freiwillige Arbeit rund 30 000 Mark pro Jahr ersparen, und es melden sich immer noch mehr, die auch mitmachen wollen. Bald also werden die Nentershausener 100 Prozent der Grünanlagen als ihre eigene Angelegenheit betrachten.

Erinnern wir uns – es gab einmal eine Zeit, da lautete das gemeinsame Glaubensbekenntnis: Groß ist schön, zentral ist einfach. Da mußte eine Gebietsreform her. Alles wurde größer, alles wurde zentraler, und alles wurde teurer. Seitdem kehrt der Bürger seine Straße nicht mehr. Das soll die Stadt machen, sagt er, und wenn irgendwo eine Straßenlampe nicht mehr brennt, ein Gully verstopft oder eine Straße beschädigt ist, dann repariert er den Schaden nicht mehr selbst, wie er das früher getan hätte, sondern ruft die Stadt an. Wenn sie dann nicht innerhalb von drei Tagen kommt, ruft er wieder an und beschwert sich bei der Stadt über seine Stadt.

Das geschieht ihr auch ganz recht. Schließlich war sie es ja, die dem Bürger den Besen und überhaupt alles aus seiner Hand genommen und an sich gezogen hat, was einst Bürgersache war. In Nentershausen soll das nun alles wieder ganz anders werden. Wissen die Nentershausener, was sie tun? Gesetzt den Fall, das Beispiel macht Schule: Wohin führt es, wenn wir alle plötzlich unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen? Da regieren wir uns ja am Ende gar selbst! Haben die Nentershausener Politiker das bedacht? Wahrscheinlich nicht.

Bei Parks und öffentlichen Anlagen wird es kaum bleiben, wenn der Nentershausen-Bazillus um sich greift. Eines Tages werden arbeitslose Lehrer und die Eltern schulpflichtiger Kinder auf die Idee kommen, sich eine eigene Schule zu bauen und die Kinder nach eigenem Gusto zu erziehen. Das Beispiel könnte andere Arbeitslose dazu ermutigen, sich zusammenzutun und eine der vielen Pleitefirmen aufzukaufen, wieder hochzupäppeln und sich so die eigenen Arbeitsplätze zu schaffen. Immer mehr Bürger kämen so auf immer mehr Möglichkeiten des Nentershausener Do-it-yourself-Verfahrens, bis wir eines Tages vor der Frage stehen: Was machen wir mit der arbeitslosen Bürokratenschwemme, dem Beamtenberg und dem Politikerproletariat? Wir würden ihnen wohl Sozialhilfe gewähren und sie zu gemeinnütziger Arbeit heranziehen müssen.