Von Michael Skasa

Gleich zwei Giganten, sagen wir: ein Titan und ein Großer – wenn die aufeinander stoßen, was mag herauskommen? Ein Dramolettchen kam heraus. Ein szenisches Feuilleton, locker hingeblasen auf viele Seiten Papier, ganz allerliebst: Geheimrat Goethe in Pantoffeln, und sein Hausrat west um ihn herum mit Mann und Maus, mit trunknem August (Goethes Sohn), zupackender Ottilie (dessen Frau), mit Gespielinnen, Bediensteten und – Johann Peter Eckermann.

Denn eigentlich wollte Martin Walser ein Stück über den mißbrauchten, an den Rand gedrückten Eckermann schreiben, Goethes Gesprächspartner und Besorger der vierzigbändigen Gesamtausgabe, doch dem so schnöd Bedankten blieb das Schicksal weiter treu, denn schon im Titel ist er wiederum vereinnahmt: "In Goethes Hand" – der Alte bleibt überlebensgroß. (In "Überlebensgroß Herr Krott" zeichnete Walser vor zwanzig Jahren bereits das Porträt einer wechselseitigen Abhängigkeit zwischen Herr und Diener.) Als vampirisch empfand Walser dieses Verhältnis, Goethe als Blutsauger flattere "über dem Thüringer Wald, während unten der Bursch’ geht."

Dann aber fiel ihm auf, daß eigentlich jeder vampirisch am anderen zutzelte, daß Eckermann "sich wirklich wie ein Kuckuck ins Goethe-Nest Besetzt und seine Brut unter der Goethe-Firma in die Welt gelassen" habe, und also schwankend im Erkennen vertrackter Wahrheiten ließ Walser vom Vampirsvorwurf nur einen listigen Alptraum übrig: Sechzehn Jahre nach Goethes Tod (und kurz vor Ende des Stücks) wälzt sich der besitzlose Eckermann in wilden Träumen, als ihm der Chef erscheint und spottend alle Klagen fortwischt, von wegen "Ich habe auf Sie gebaut, Exzellenz", drauf Goethe: "Ein bißchen spekuliert, lieber Doktor (...). Zwar nichts verdient, aber ein Ansehen ergattert, das mit eigener Schreibe nie und nimmer zu ergattern war. Und ein Leben lang die köstliche Ausrede-, weil man für Goethe rackern muß, kommt man nicht dazu, die eigenen Gedichte zu schreiben. Die schlechten. Sogar politisch kommt man in Betracht! Ein Goethe-Opfer! Opfer des Fürstenknechts! Nicht nur den Fortschritt hat er verhindert, dieser Goethe, sondern auch noch Eckermann." Spricht’s und rauscht flügelbewehrt in den Schnürboden, ein lachender Vampir.

Als er dies schrieb, war Walser bereits fest in Goethes Hand, und sein Empörtsein über diesen selbstsüchtigen Kerl, der über seinen güldenen Tellerrand nicht den Blechnapf des anderen sieht – gewiß der erste Anstoß zur Beschäftigung mit dem Thema –, war bereits dem schmunzelnden Respekt vor solcher Haltung gewichen, die ihm nun "großbürgerlich" erschien: "Ich glaube", sagte Walser in einem Interview, "als Großbürgerkind, das früh an einen Hof kam, hat dieser höchst empfindliche Mensch kein Gefühl dafür gehabt, daß er einen anderen im Schlichtesten zu kurz kommen läßt. Er hat gedacht, wenn ich diesen Eckermann hundertneunundfünfzigmal im Jahr zum Essen einlade, dann ist er verpflegt. Einem kleinbürgerlichen Arbeitgeber wäre es damals sicher nicht passiert, daß er jemand für sich arbeiten ließe, ohne daß er das Gefühl gehabt hätte, ich beute den aus. Aber Goethe hat dafür keinen Sinn gehabt." Und: "Jetzt mag ich diese Figur, besonders diesen alten Goethe.