Ein halbes Jahr nach der letzten Bürgerschaftswahl haben sich Bürger der Hansestadt völlig anders entschieden als noch im Juni 1982. Sicherlich hat der Regierungswechsel in Bonn dazu beigetragen. Aber auch in Hamburg wurde, jetzt vieles anders beurteilt als sechs Monate zuvor. Aus einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen, die in der letzten Woche vor der Wahl bei knapp 1000 repräsentativ ausgewählten Wahlberechtigten durchgeführt wurde (und die das Wahlergebnis sehr genau traf) kam zutage:

  • Die Leistungen der SPD in der Bürgerschaft seit Juni wurden deutlich besser beurteilt als die Arbeit der SPD im früheren Senat.
  • Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hatte seinen geringen persönlichen Vorsprung vor seinem Herausforderer Walther Leisler Kiep deutlich ausbauen können: 49 Prozent aller Wähler wollten Dohnanyi als Ersten Bürgermeister, 34 Prozent wollten Kiep.
  • Die Unterstützung für Dohnanyi war in den Reihen der SPD-Wähler trotz der hohen Ausgangsbasis im Juni nochmals gestiegen, die Unterstützung für Kiep in den eigenen Reihen leicht gefallen.
  • Die Mobilisierung ihrer Anhänger war der SPD besser gelungen als der CDU.
  • Die FDP verlor ihre sozial-liberalen Wähler weithin an die SPD. Sie konnte nur wenige Wähler aus dem Umfeld ihres Wunsch-Koalitionspartners CDU an sich ziehen.
  • Die Grünen wurden deutlich stärker links eingestuft als noch im Juni.
  • Nur 36 Prozent fanden es gut, die GAL in der Bürgerschaft zu haben. Im Juni waren es noch 43 Prozent.
  • Die SPD-Wähler ließen sich in strittigen Fragen – Beispiel: Brokdorf – seit Juni durchaus von den Argumenten der GAL beeinflussen. 60 Prozent der SPD-Wähler waren damals für das Atomkraftwerk Brokdorf, heute ist die Mehrheit (58 Prozent) dagegen.
  • In anderen Fragen – Hausbesetzungen, Hafenerweiterung und Kernkraft – ist die Gegensätzlichkeit von CDU- und FDP-Wählern einerseits und SPD-Wählern andererseits stärker geworden. Die Wähler der GAL zeigen eher noch extremere Haltungen.

Keine dieser Feststellungen kann allein die starken Veränderungen im Verhalten der Wähler erklären. In der Summe aber geben sie klare Hinweise darauf, warum es in Hamburg zu dem unerwarteten Wahlergebnis der absoluten SPD-Mehrheit gekommen ist.

Besonders aufschlußreich für die Analyse ist das Abschneiden der Parteien in jenen Wohngebieten, die eindeutig durch eine Berufsgruppe geprägt werden. In den Arbeiterwohngebieten Hamburgs erhält die SPD stets sehr viel höhere Stimmenanteile als in dem Stadtstaat insgesamt. Hier haben die Sozialdemokraten bei der Dezemberwahl die Anteile wieder zurückgewonnen (+9 Prozent), die sie im Juni verloren hatten. Umgekehrt hat die CDU jetzt (-5 Prozent) ihre Juni-Gewinne wieder abgegeben. Die GAL,. die im Juni in den Arbeiterwohngebieten überdurchschnittlich viele Stimmen gewonnen hatte, verlor weniger (0,6 Prozent) als im Land insgesamt. Die FDP, die in Arbeiterbezirken schon immer schwach vertreten ist, verlor hier noch mehr als im Landesdurchschnitt.

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei Betrachtung der Wohngebiete, in denen besonders viele Beamte und Angestellte wohnen. Bei der Juni-Wahl hatte die SPD dort weniger verloren als im Landesdurchschnitt – die Zugewinne der CDU waren geringer. Auch jetzt fielen die Veränderungen der Stimmenanteile von SPD (+7,5 Prozent) und CDU (-4 Prozent) in diesen Wohngebieten etwas geringer aus als im Land insgesamt. Die FDP, die in diesen Wohngebieten im Juni noch deutlich über der Fünf-Prozent-Marke gelegen hatte, verlor (-1,8 Prozent) weniger als sonst. Der Rückgang der GAL war dagegen durchschnittlich.

Das Hamburger Wahlergebnis ist nur mit den politischen Ereignissen in der Hansestadt nicht zu erklären. Vielmehr hat sich seit dem Regierungswechsel in Bonn die bis dahin für die Union günstige politische Stimmung in der Bundesrepublik insgesamt verändert. Die Art und Weise des Regierungswechsels wird von der großen Mehrheit der Wähler nicht geschätzt. Dies trifft die FDP am stärksten; für sie mag die Chance, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen, im Bundesgebiet größer sein als in Hamburg, doch signalisiert ihr schlechtes Abschneiden am Sonntag Gefahr auch für den 6. März. Ebenso sind die Aussichten der CDU/CSU, im März die absolute Mehrheit zu erreichen, düsterer geworden.

Doch muß man sich davor hüten, Hamburger Ergebnisse schematisch auf das Bundesgebiet zu übertragen. Sie haben seit 1970 zwar stets die in der Bundesrepublik vorherrschende politische Stimmung widergespiegelt, aber doch in einem Ausmaß, das für die Bundessituation nur begrenzt repräsentativ war. Das Pendel des allgemeinen Trends schlägt im Hamburger Wahlverhalten stärker aus als anderswo.