Wo war Helmut Kohl, nicht nur Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union, am Abend der Hamburger Wahl? Das haben sich und die Fernsehanstalten zahllose Bürger gefragt, als in der üblichen Parteienrunde nach der Wahl an seiner Stelle Heiner Geißler, der Generalsekretär der CDU, erschien und sich kurzerhand als Kohls "alter ego" bezeichnete.

Die erst am Montag nach der Wahl vom Kanzler und Parteivorsitzenden selber gegebene Antwort lautet, er habe eine seit langem eingegangene private Verpflichtung eingehalten. Punktum. Und aus dem Kreis seiner Vertrauten ist zu hören, Helmut Kohl sei in der Marbacher Straße 11 zu Ludwigshafen-Oggersheim gewesen, also zu Hause. Und wenn er das auch nicht so sagte, so gab Kohl in seiner am Montag eilends, jedenfalls überraschend anberaumten Pressekonferenz in Bonn zusätzlich zu verstehen, eine solche private Verabredung müsse doch, verdammt noch eins, auch mal möglich sein. Und im übrigen streicht er von seiner Wahlzuversicht für den 6. März auch nach der Hamburger Niederlage kein Jota ab – von jener Zuversicht, die er immer wieder demonstriert, zuletzt indirekt auch in der Bundestagsdebatte vor dem konstruierten Nicht-Vertrauens-Votum gegen ihn am Freitag letzter Woche.

Freilich, diese Debatte wäre wohl etwas anders verlaufen, hätten die Abgeordneten die Hamburger Wahlsensation schon gekannt oder auch nur geahnt. Statt des Übermaßes an blanker Geschäftsmäßigkeit wäre gewiß mehr Nachdenklichkeit im Spiele gewesen über die Merkwürdigkeit dieses Manövers, auch über die Statistenrolle, in die sich der Bundestag hat bringen lassen und über die Notarsfunktion, die er dem Bundespräsidenten zumutet.

So aber lief das Parlament hastig auseinander, nach raschen weihnachtlichen Wünschen allüberall: nichts wie weg. So gleichgültig hat sich noch kein Bundestag aufgelöst. Daß von der Verfassung kaum die Rede war und die Sitzung statt dessen mehr einer gemeinsamen Wahlkampfkundgebung glich, das haben nur einige Sensible gemerkt, die zugleich den allgemeinen Marschbefehl zur Auflösung nicht befolgten, wie zum Beispiel Hansheinrich Schmidt von der FDP.

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Sonst aber wurde nur viel nachgekartet, von fast allen Rednern und besonders von Hans-Dietrich Genscher, wie schon in der Haushaltsdebatte. Viele Bonner finden, daß er, ohnehin nur noch ein Schatten seines ehedem so profihaften politischen und propagandistischen Selbst, in vollem Zuge ist, nach der endlosen Trickserei vor dem Bruch mit der SPD einen zweiten Kardinalfehler zu machen, indem er die Gründe für diesen Bruch nachträglich beinahe ins Maßlose überhört Denn folgt man seinen Worten, dann ist es mit den Sozialdemokraten nicht nur in der Wirtschafts- und der Außenpolitik, sondern eigentlich überhaupt nicht mehr gegangen, ganz so, als hätten sie eine völlig andere Republik gewollt. Um so näher liegt da natürlich die Frage, warum der FDP-Vorsitzende den Bruch dann nicht eher und schnell und offen vollzogen hat. Indem Genscher auf andere zeigt, zeigt er auch auf sich seiber.

Wenngleich aufgelöst (gesetzt den wahrscheinlichen Fall, Karl Carstens erfüllt diesen Wunsch), amtiert der Bundestag bis zum Zusammentritt des neuen Parlaments doch weiter. Aber zu regulären Sitzungen wird er sich nach allgemeiner Übereinkunft nicht mehr versammeln. Die Opposition kommt das etwas hart an, weil ihr nun eine Bühne fehlt und die Regierung weithin das Feld beherrschen kann. Aber Bundestagssitzungen wären eben auch eine Bühne für die Regierung gewesen – ganz abgesehen davon, daß der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Hans-Jochen Vogel dieses Forum nicht nutzen kann, weil er dem Parlament noch nicht wieder angehört. Da fiel es leicht, sich allseits auf Abstinenz zu einigen.