Von Hansjakob Stehle

Unersetzlichkeit sei ein Merkmal großer Männer der Geschichte, meinte einst Jakob Burckhardt. Er sei "ganz unentbehrlich in Polen", gab Primas Wyszynski zu bedenken, als er beim Konklave im Oktober 1978 zwischen zwei Wahlgängen von einem anderen Kardinal die Anregung hörte, einen Polen zum Papst zu machen. Das Mißverständnis, das der Begebenheit eine anekdotische Pointe verlieh, beleuchtet nicht nur das Selbstbewußtsein des Warschauer Kirchenfürsten. Es widerspiegelt auch Wyszynskis tatsächliche historische Bedeutung: "Seine Größe beruhte unter den besonderen polnischen Umständen darauf, daß er, ohne eine neue Doktrin oder Ideologie zu begründen, nationale Tradition und christliches Wertsystem verflocht und so eine uneinnehmbare Bastion errichtete."

Zu diesem Schluß führt ein Buch, das der Autor selbst als vorläufige biographische Skizze bezeichnet, das jedoch eine Fülle von Fakten ausbreitet und sich auf viele bisher unveröffentlichte Dokumente stützt, nicht zuletzt auch private Aufzeichnungen des Kardinals, die dieser selbst zur Verfügung stellte und – was der Autor nicht erwähnt – deren Verarbeitung Wyszynski noch bis zu seinem Tod (1981) überwachte. Was so entstand ist zwar in erster Linie Rohstoff künftiger Geschichtsschreibung, aber es vermittelt gleichwohl wichtige Erkenntnisse über die Kirchengeschichte Polens seit 1945:

Andrzej Micewski: "Kardynal Wyszyński. Prymas i Maz Stanu" (Primas und Staatsmann); Editions du Dialogue, Paris 1982; 466 S., Fr. 90,-.

Die Gestalt des streitbaren und zugleich stets versöhnlichen Primas, des Politikers und Mystikers, des guten Hirten und Hohenpriesters, der nach außen so viel Bewunderung, aber auch manche Mißverständnisse hervorrief, wird in diesem Buch in ihren inneren Beweggründen sichtbar. Schon seine Kindheits- und Jugenderfahrungen sind Wegweiser. Bis zur dritten Volksschulklasse durfte im Polen des Zaren, wo Wyszynski 1901 geboren wurde, nur russisch unterrichtet werden; zu Hause und in der Kirche, für die Vater Wyszynski als Organist tätig ist, wurde die Muttersprache bewahrt. Der neunjährige, vom Tod der Mutter tief getroffen, wendet sich von der Stiefmutter ab und einer ganz anderen zu, die seinen Lebensweg bestimmt: Nach der Priesterweihe (1924) pilgert er zum Marienheiligtum nach Tschenstocnau, "um eine Mutter zu haben, eine, die immer sein wird und nicht stirbt", so notierte er. Doch dabei verbündet er sich auch mit der "Königin Polens", die länger alle Regime regiert und ihm das nie abreißende Band zwischen "Gott und Vaterland" garantiert.

Es wird jedoch keine konservative Fessel für den jungen, sozial engagierten Theologen, der sich auf Reisen auch in Westeuropa umschaut und von 1930-1939 die Kleruszeitung redigiert. In der politischen, aber auch kirchlichen Szenerie Vorkriegspolens erscheint sogar sein Antikommunismus eher "links" angesiedelt – so wenig sich derlei simple Ortsbestimmungen zeitlebens für ihn eignen. Die Krise von 1931 hält er für "die notwendige Folge der kapitalistischen Weltwirtschaft" und warnt davor "jede Forderung nach sozialer Gerechtigkeit, besserer Einkommensverteilung und Agrarreform als Kommunismus zu bezeichnen".

Nach dem Zweiten Weltkrieg, der in Wyszynski wie in jedem Polen das Trauma der bösen Nachbarn hinterläßt, findet sich die Kirche des Landes im stalinistischen Osteuropa wieder und angesichts eines Konflikts "auf den niemand von uns vorbereitet war... Einige Bischöfe erwarteten jeden Augenblick die Katastrophe, auch der Heilige Stuhl rechnete damit", erinnerte sich später der Primas. In Wirklichkeit taktieren Polens Kommunisten, ihrer Schwäche bewußt, vorsichtig und widersprüchlich. Während sie die Macht der Kirche zu beschneiden versuchen, ja das Konkordat kündigen, streben sie zugleich einen Verständigungskompromiß an, um sich die Hilfe der Kirche zu sichern. Das komplizierte Grundmuster der kommenden Jahrzehnte zeichnet sich ab.