"Also wohin jetzt", Gedichte von Dorothee Haeseling. "Flügellos" hieß ihr erster Gedichtband (1979). Das Bild der Unfreiheit programmatisch im Titel. Mit ihrer zweiten Veröffentlichung "Also wohin jetzt" sind der Lyrikerin Dorothee Haeseling "Flügel" gewachsen. Aber nur literarische. Reicher und mutiger in den stilistischen Variationsmustern, ist sie doch bei dem gleichen Thema geblieben: die Gefühle abstumpfende, neurotisierende Sicherheit der bürgerlichen Existenz, Immer noch empfindet sich Dorothee Haeseling als zurechtgestutztes, eingesperrtes Wesen: "manchmal ein Vogel/auffliegen könntest du/mit geborgtem Flügel". Einer will ihr helfen, doch dem mißtraut sie: "du sagst/ich hole dir die Sterne vom Himmel/das soll ich dir glauben". Ein aussichtsloser "Fall"? Eine, die überall dazwischenhängt, der man nichts recht machen kann? Zweimal beschreibt die Autorin schöne Augenblicke, die sie auskostet, in denen sie ohne Wenn und Aber verweilt. "Zwei Stunden dem Himmel ziemlich nah", stellt sie in Gegenwart ihres Partners fest. In diesen kurzen Momenten erscheint ihr die Liebe als letzte Zuversicht. Doch die leise Wut, das innere Aufbäumen gegen die "Vorräte an Vernunft", gegen die dem Nutzen verpflichteten Anforderungen des Alltags kehren nach solchen Euphorien schnell zurück. Der Kopf dominiert zu sehr, als daß die Rebellion nach außen dringen dürfte. Die Neurose läßt keine Kreatürlichkeit zu. "Sie hatte schon immer Angst/sich fallen zu lassen", charakterisiert sie sich selbst. Als "Handlung" bleibt ihr nur das Schreiben. Sie notiert das Diagramm ihrer wunden Seele mit geradezu wissenschaftlicher Emotionslosigkeit. Die Gefühle sind aus den Sätzen gestrichen. Übermütig und wild scheint die Lyrikerin nur in ihren Träumen zu sein: "Die Sonne geht auf Beinen/ein Schwein fliegt durch die Luft/und höher als Häuser/wachsen drei Tulpen rot". (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982; 58 S., 18,– DM.) Jens Prüss

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"Der Fischer Informationsatlas Bundesrepublik Deutschland", von Manfred Dloczik, Adolf Schüttler und Hans Sternagel. Hat die CDU/CSU ihre Direktmandate bei der letzten Bundestagswahl vor allem dort gewonnen, wo die Schneedecke jährlich mindestens 20 Tage liegenbleibt? Gibt es im katholischen Niederbayern mehr Verkehrsunfälle als im protestantischen Niedersachsen? Antworten auf solche Fragen (mögen sie auch bloß unterhaltend sein) lassen sich tatsächlich finden. Man braucht nur in diesem Taschenbuch zu blättern und einige der insgesamt 80 thematisch gestalteten Karten miteinander zu kombinieren. Auf ähnliche Weise wie im bewährten dtv-"Atlas zur Weltgeschichte" werden wir hier über die Bundesrepublik informiert, wobei Redaktionsschluß im Januar 1982 war; die linken Seiten bieten uns jeweils Texte oder Tabellen, und rechts daneben veranschaulichen dann farbige Karten (zumeist im Maßstab 1 : 5 Mio.) die dazugehörigen Zahlen, Daten und Fakten. Untergliedert in acht Kapitel gibt dieses Nachschlagewerk gedrängt Auskunft über geographische, geschichtliche und gesellschaftliche, über kulturelle und konfessionelle Themen, liefert geballt Statistisches zu Wirtschaft, Verwaltung und Verkehr: Mixed Pickles für die Allgemeinbildung, zusammengestellt von einem Kartographen und zwei Lehrern. Offensichtliche Ungenauigkeiten und Fehler (das Hopfenanbaugebiet Hallertau liegt keineswegs ausschließlich in Niederbayern; das passive Wahlrecht beginnt seit längerem schon mit 18 Jahren) werden sich in einer überarbeiteten Neuauflage sicher nicht wiederholen; und unvollständige Informationen (bei den bundesdeutschen Massenmedien hat man das Fernsehen vollkommen vernachlässigt) werden hoffentlich ergänzt. (Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1982; 192 S., 14,80 DM.) Werner Hornung

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"FrauenFronten", von Anna Zaschke. Zwei Frauen lassen sich von einem, dem die Liebe das bißchen Verstand umnebelt hat, nach Herzenslust verwöhnen. Eine Frau verwirklicht sich und ihren Anspruch auf Mutterschaft ohne Wissen des Erzeugers, regelt dann aber doch über einen Anwalt das Finanzielle zum Wohle des Kindes. Eine Lehrerin möchte für ein Periodikum der Frauenbewegung ihre Großmutter als frühe Heldin porträtieren, findet aber in ihr nur eine Frauenfeindin und stellt fest, daß Männer (Vater und Brüder) ihre eigene Ausbildung gefördert haben. Geschrieben hat das eine Frau, Anna Zaschke. Die Schwestern, und nicht nur sie, werden darin Frontberichte sehen. Die aber beurteilt man nach eigenen Kriterien, von denen daher hier die Rede sein muß. Erstens: Darf frau das? Ist nicht die Wahrheit im Kampf der Geschlechter ebenso wie im Klassenkampf parteilich? Darf frau der Frau in ihrem – zugegeben – schweren Kampf mit unpassenden Facts in den Rücken fallen? Darf sie Bewegungsfrauen karikieren? Ganze Bibliotheken zusammenfassend sage ich hier nur kurz: frau darf. Die Mitteilung von Tatsachen, die satirisch zugespitzte Darstellung von Schwächen können auf die Dauer der richtigen Sache nur nützen. Zweitens: Kommt das, was Anna Zaschke schreibt, vor? Gewiß. Die geneigte Leserin und ihr(e) Partner mögen sich nur umsehen. Drittens: Was will die Autorin überhaupt? Sie findet, daß die beiden Geschlechter einander eine Menge zu bieten haben und sich deshalb ein paar Albernheiten abgewöhnen sollten. Und sie lockt mit einem Mittel, das sehr zeitgemäß ist; Lust. Es ist die Geschlechtslust, aber auch die Lust, welche die Geschichten – manchmal auch nur hingetupfte Stimmungen – ihrem Leser bereiten. Das soll auch schon die Antwort auf die vierte Frage sein. Wie schreibt sie? Diese Antwort hätte früher die Rezension gefüllt (man muß diesen Zeiten nicht nachtrauern). Das Bonbon, welches die Autorin uns vor die Nase hängt, damit wir ihre Botschaft schlucken, ist die Ironie. Eine bis in die Namensgebung hinein (ein etwas unbefriedigender Gatte heißt nicht von ungefähr Sieghard Schneifried) an Thomas Mann geschulte, sich etwas betulich gebende Ausdrucksweise, die in bekömmlichen Abständen zu richtigen Gags aufläuft, stellt der selbstbewußten Frau den Mann als ein der Verbesserung fähiges, würdiges, aber auch bedürftiges Lustobjekt dar. Damit liegt Frau Zaschke sogar im Trend. Den Organen der Frauenbewegung nach sollen neuerdings die Organe der Frauen wieder in Bewegung geraten sein. Das bewegt auch uns. Mit Kanzler Kohl zu sprechen, es geht doch darum, daß wir uns wieder aufeinander zubewegen. Anna Zaschke hat uns das elegant vorgemacht. (Eichhorn Verlag, Frankfurt, 1982; 119 S., 18,– DM.) Karl Hoche