Ludwigshafen: "Rainer Jochims"

Schwarzflächen: rauh und glatt, matt und glänzend. Ein schwarzer Würfel und ein schwebend-schwarzer Stab, ein Klappbild – das Schwarzdiptychon. Ein ganzer Raum der vom Frankfurter Kunstverein nun ins Wilhelm-Hack-Museum umgezogenen Retrospektive des Städel-Professors, Kunstphilosophen und Malers Raimer Jochims ist dem Schwarz vorbehalten. Und gerade hier, wo man ihn leicht mißverstehen kann, ist es wichtig, ihn zu begreifen. – Ein Wort zieht eine Leuchtspur durch das Denken des Theoretikers: Identität. Aber: "Identität ist eine Form der Beziehung", sagt er. So ist denn auch das Schwarz gar nicht gleich Schwarz, nicht die Verneinung einer Bildphysiognomie, sondern die Summe der Beziehungen aller Buntfarben. Jochims benutzt kein schwarzes Pigment; er ist gar nicht monochrom. Als Objekt im Raum, im Licht lebt sich das Schwarz bei ihm aus. Seit Anfang der sechziger Jahre bemüht sich der Maler um die dynamische Einheit von Farbe und Fläche. In einer Welt ausufernder Zerstreuung sucht Jochims das Bild als einen Ort integrierter Erfahrung. Als ein Kontinuum der Farbe – einen Lebensraum für das Auge, in dem es ruht, doch ohne zu ermüden. Deutlicher als vorher wird in den seit 1974 auf Spanplatten gemalten Bildern mit den ausgebrochenen Kanten, daß es nicht um die widerspruchsfreie Gestaltung, nicht um ein abgerundetes Harmoniemodell geht. In diesem untergründig schillernden, schuppig gespachtelten Organoiden und ungeklärten Geometrien ist "Identität" nicht "vorgemacht". Sie ist in die Möglichkeit einer aktiven Wahrnehmung gestellt: "Letzte Einheit, Identität, Frieden werden dem Rezipienten aufgegeben." Die Flügel-Bilder, die zwei unterschiedliche Farb-Form-Charaktere miteinander kombinieren, die Malereien und Zeichnungen auf Papier, mit ihren an den gerissenen Rändern aufgeblätterten Farbbedeckungen, präsentieren sich ungebunden und mit offenem Ende. (Wilhelm-Hack-Museum bis 24. 1. 83, anschließend Kunstverein Braunschweig; Katalog 30 Mark)

Volker Bauermeister

München: "Zwischen kaltem Krieg und Wirtschaftswunder – deutsche und europäische Plakate 1945-1959"

"Lumpen her – wir schaffen Kleider!", "Hilf fördern! Werde Bergmann!" stand auf Plakaten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, aber auch: "Kampf dem Schwarzhandel" und "Waren heraus!" Nach der Währungsreform war das ganz anders, plötzlich war alles "... wieder da". Die bekannten Vorkriegsmarken kamen erneut auf den Markt. Die Zigaretten, nicht länger Zweitwährung, schmeckten nun "gut wie in den besten Tagen" und hatten bereits wieder "Friedensformat". Man lebte jedoch nicht in friedlichen Zeiten. Der kalte Krieg war ausgebrochen und brachte die alten Feindbilder zurück. Daran erinnert die Ausstellung und auch an die heftige Auseinandersetzung um das Atom in den fünfziger Jahren: Die Gegner identifizierten es mit der Bombe, die Befürworter mit dem Frieden, Das Plakat ist ein ziemlich genauer Spiegel der jeweiligen Gegenwart und insofern geben die eintausend Plakate, nach Themen geordnet, einen gelegentlich amüsanten, stets informativen Geschichtsunterricht – von der Amerikanisierungswelle, Menschenrechte, Louis Armstrong und Coca-Cola, über die Freß- und Schönheitswelle (Wirtschaftswunder und Fräuleinwunder Hand in Hand) bis zur Reisewelle mit ihren großformatigen Sehnsuchtsbildern sind hier die Leitvorstellungen sichtbar. Es wird nicht verschwiegen, daß bei uns Heimatschnulzen entstanden und anderswo bedeutende Filme produziert wurden (ein Unterschied, der sich auch in der Plakatgestaltung niederschlug), auch nicht, daß die bundesdeutschen Plakate im europäischen Vergleich meist etwas hausbacken wirkten. Der Duft der großen, weiten Welt erreichte uns eben erst mit Verspätung. (Stadtmuseum bis zum 9. Januar 1983; der Katalog, Bilderbuch und Nachschlagewerk zugleich, kostet 29 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen