Von Wolfgang Boller

Sti-i-i-ihle Nacht..." singen die Kindlein mit dünnen Stimmchen, und die Glocken von St. Peter und Johannes holen feierlich zum Christkindl-Läuten aus... Im Berchtesgadener Land aber ist die Heilige Nacht alles andere als still. Beim ersten Glockenschlag vom Kirchturm erhebt sich in halber Höhe der Berge ein Gebrüll aus feuerspeienden Eisenmäulern. Kanonenschläge bellen, Reihenexplosionen rattern wie Garben überschwerer Maschinengewehre, Salven rollen durch die Täler, als hätte die Hölle ihre Pforten geöffnet. In der schneehellen Dunkelheit zucken Mündungsfeuer gleich gebündelten Blitzen. Der große, tröstliche Osramstern auf dem Lockstein verschwimmt in Schwaden von Pulverdampf. Der Friedhof ist die Proszeniumsloge des kolossalen Schauspiels, von dem sich nur unter dem Aspekt maßloser Begeisterung behaupten läßt, daß es dem kleinen Jesulein gefallen könnte.

Das ist, alle Jahre wieder, das berühmte Weihnachtsschießen der Berchtesgadener Böllerschützen.

Die aktiven Weihnachtsschützen haben für ihren Auftritt in der Christnacht die schmücke, traditionelle Schützentracht angelegt: blaugraue Joppe, schwarze Lederbundhose mit Stickgarnitur, graue Strümpfe, weißes Hemd, dunkelgrüner Hut mit hellgrüner Borte und Spielhahnfeder. Etwa zehn Kilo ist so ein Handböller schwer (Bohrung: zwölf bis 20 Millimeter). Man lädt mit Pulver von Zwei-Millimeter-Körnung und verschließt die Mündung mit einem Holzpfropfen, der mit dem Hammer festgekeilt wird. Zündhütchen drauf. "Fertig!" kommandiert der Schützenmeister. "Auf!" Da recken sich die Fäuste. Und: "Feuer!"

Sieben Schützenketten bilden den Feuerring um den Markt Berchtesgaden, insgesamt 17 Vereine sind im Verband der Weihnachtsschützen organisiert, von 17 Standplätzen kracht’s in die lärmende Berchtesgadener Christnacht. Mit rund tausend Rohren zielen die Weihnachtsschützen auf die bösen Geister zu Füßen des Watzmanns. Bei einem solchen Auftritt verblitzen sie an die 25 Zentner Pulver im Wert von über 10 000 Mark, dazu 80 000 bis 90 000 Zündhütl.

Der große Zauber beim Christkindl-Läuten in der halben Stunde vor Mitternacht ist der Höhepunkt eines pulverdampfgeschwängerten Brauchtumsjahrs. Am Nachmittag zuvor ist das Christkindl angeschossen worden, in der Silvesternacht wird das alte Jahr hinaus- und das neue eingeschossen. In den letzten Minuten des Jahres haben noch einmal die Böller das Wort. Drei Salven dröhnen von den Bergen. Wenn die Kirchturmuhr von St. Peter und Johannes die Jahreswende auszählt, schweigen die Pulvermäuler. Die Schützen beten ein Vaterunser für die Toten. Eine Salve begrüßt das neue Jahr, und dann geht die Schießerei erst richtig los. Ein Freudenfeuerwerk fegt die Dämonen hinweg und unterstreicht die guten Vorsätze. Das Echo rollt durch die Täler: Neujahrswünsche wohlgesonnener Alpenriesen.

Die "Vereinigten Weihnachtsschützen" des Berchtesgadener Landes knallen aus Spaß an der Freud’, auch aus Anhänglichkeit an die alten Bräuche. Drum haben sie sich im Verein gefunden. Vorsitzer Felix Möschl zitiert aus der Satzung: "Zweck des Vereins ist es, die im Gebiet der ehemaligen Fürstpropstei Berchtesgaden bestehende Sitte des Schießens mit Böllern an hohen Feiertagen oder bei sonstigen festlichen Anlässen zu erhalten, zu fördern und vor Auswüchsen zu bewahren." Im Reich der Weihnachtsschützen, die gleich naturgeschützten Panzerechsen zwischen Arsenalen zusehends fürchterlicher, unbegreiflicher und bedrohlicher Waffensysteme wandeln, ist die Welt noch weitgehend in Ordnung. Frauen sind nicht zugelassen, sind für das geräuschvolle, unnütze Waffenhandwerk wahrscheinlich auch nicht geschaffen.