Von Annelies Furtmayr-Schuh

Es begann mit wenigen schmerzlosen Flecken am Körper. Ich nahm dagegen keine wirkungsvollen Medikamente ein, sondern behandelte mich selbst zunächst mit ayurwedischen – also den traditionellen indischen – Heilkräutern. Im folgenden Jahr zeigte die Erkrankung, die bis dahin unmerklich in meinem Körper fortgeschritten war, ihr wahres bedrohliches Gesicht. Das Geschehen setzte ein mit einem Geschwür unter dem Großzeh meines rechten Fußes. Ich ging daraufhin sofort zu einem befreundeten Arzt, der die gefürchtete Diagnose ‚Lepra‘ aussprach."

"Lepra!" Das Schreckenswort ließ den Inder C. S. Cheriyan, einen ehemaligen Medizinstudenten, erstarren. "Ich wollte diese Diagnose nicht glauben, mochte nicht einmal daran denken, es schien mir unbegreiflich, daß ausgerechnet ich Lepra haben sollte", berichtet Cheriyan über den Beginn seines Leidens im Katalog zur Ausstellung "Aussatz – Lepra – Hansen-Krankheit, ein Menschheitsproblem im Wandel" (bis zum 9. Januar im Deutschen Museum in München).

"Ich habe mich sogar vor meiner eigenen Familie geschämt, weil ein so schreckliches gesellschaftliches Stigma mit der Krankheit verbunden ist", bekennt Cheriyan. "So viel Aberglauben, so viel irrationale Ideen waren damit verbunden. Ich hatte sogar bei meiner christlichen Familie zu Hause beobachtet, wie lepröse Bettler vor unserer eigenen Tür verjagt wurden. Meine ganze Welt, alle Träume meiner Kindheit entschwanden."

Aberglauben und Irrationalität haben Jahrhunderte hindurch Aussätzigen das Schlimmste angetan, was einem Menschen zustoßen kann: aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu sein. Und noch heute verstößt die falsche Meinung von der Lepra (griechisch für "Aussatz, Krätze") viele Millionen Menschen, vor allem in tropischen Ländern, aus der Familien- oder Dorfgemeinschaft.

Auch in uns Europäern lebt eine jahrtausendealte Tradition fort. Wäre dem nicht so, müßten sich die 52 000 Leprakranken, die es in Europa gibt, darunter sechzig in der Bundesrepublik, nicht schamvoll verstecken.

Lepra gilt nicht schlichtweg als eine Krankheit. Wie sonst wäre die Panik zu verstehen, in die vor einigen Jahren in Bonn Medizin und Kommune gleichermaßen gerieten, als sich ein Lepröser aus der Universitätsklinik zu einem Stadtbummel aufgemacht hatte? Er wurde "eingefangen" und in eine Irrenanstalt gebracht, obwohl seit vierzig Jahren bekannt ist, daß die heilbare Infektionskrankheit Lepra bei weitem nicht so rasch wie Grippe oder Gonorrhöe übertragen wird.