Zu Weihnachten werden die Deutschen traditionell besinnlich. Da gedenken sie auch besonders gern der Armen in der Welt – als ob sich der Hunger nach den hohen Feiertagen richten würde. Wer Hilfe braucht, kann nicht bis Weihnachten warten und darauf hoffen, daß die Bewohner der Industriestaaten beim Anblick der fetten Weihnachtsgans das schlechte Gewissen packt.

Ein Appell an das schlechte Gewissen ist auch die Aktion "Brot statt Böller", zu der einige Kirchengemeinden aufgerufen haben. Statt das Geld in der Silvesternacht sinnlos zu verpulvern, sollte es lieber für karitative Zwecke gespendet werden, mahnten die Pfarrer.

Ein Hersteller von Raketen, Böllern und Knallfröschen drehte den Spieß um und mahnte die Kirchenmänner, keine Arbeitsplätze zu gefährden. Sogar Behinderte seien mit der Herstellung von Feuerwerkskörpern beschäftigt. Wollen die Pfarrer diese armen Menschen ebenso um ihren Job bringen wie die insgesamt vierhundert Mitarbeiter, die bei einer Einschränkung der Knallerei entlassen werden müßten? Und damit dieser Gegenappell ebenfalls mit genügend Moral garniert ist, weist die Pyrotechnik-Firma Comet bei ihrem Protest gegen den kirchlich geförderten Arbeitsplatzabbau darauf hin, daß es doch wohl besser sei, auf gesundheitlich so schädliche Dinge wie Tabak und Alkohol zu verzichten: Knallen statt saufen.

Recht so. Allerdings haben die Pyrotechniker übersehen, daß auch die Schnapstrinker und Zigarettenqualmer viele Arbeitsplätze sichern helfen. Würden sie ihren Lastern abschwören, müßte die Zigarettenindustrie noch mehr Leute entlassen als die Feuerwerker. Ganz ohne Zweifel beschäftigen auch die Schnapsbrenner den einen oder anderen Behinderten der seinen Arbeitsplatz verlieren würde, wenn die Bundesbürger auch wirklich Gesundheit meinen, wenn sie es sagen.

Wer heute mit dem Verlust von Arbeitsplätzen droht, hat sein Spiel fast schon gewonnen. Allerdings muß auch den braven Kirchenmännern einmal gesagt werden, daß ihre Verzichtappelle recht weltfremd sind. Denn wenn die Knallerei eingestellt wird, wandert das Geld dafür nicht automatisch aufs Spendenkonto. Das gleiche gilt für den Verzicht auf blauen Dunst oder hochprozentige Getränke.

Wenn alle, die das Rauchen in den letzten Jahren eingestellt haben, das Geld an mildtätige Organisationen überwiesen hätten, dann wären die Hilfsdienste heute glänzend finanziert. Doch einen solchen Automatismus gibt es nicht. Nicht jede Rakete, die auf dem Ladentisch liegen bleibt, nicht jeder Böller, der unangezündet wieder ins Lager verschwindet, verwandelt sich automatisch in Brot für die Welt.

Wenn wir wirklich helfen wollen, dann muß diese Hilfe eine andere Basis haben. Appelle an das schlechte Gewissen verlieren bald ihre Wirkung, wenn dahinter nicht die Erkenntnis steht, daß die reichen Industrieländer nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch ein politisches und wirtschaftliches Interesse daran haben, den ärmeren Völkern zu helfen. Weihnachtsaktionen können nichts ausrichten gegen Hunger, Unwissenheit und Unterdrückung in der Welt. Ein einmaliger Verzicht auf ein paar Knallfrösche bewirkt in der Tat kaum etwas anderes, als noch ein paar Leute mehr arbeitslos zu machen.

Michael Jungblut